Liebe Barbie, herzlich willkommen im 21. Jahrhundert!

Seit dem ich im Zuge meines Forschungsauftrages an Dich denke, gehen mir folgende Liedzeilen nicht mehr aus dem Kopf:

I'm a Barbie girl in a Barbie world  Life in plastic, it's fantastic  You can brush my hair, undress me everywhere  Imagination, life is your creation

I’m a Barbie girl in a Barbie world
Life in plastic, it’s fantastic
You can brush my hair, undress me everywhere
Imagination, life is your creation

Heute erinnere ich mich, wie alles anfing, damals als Du 1951 als Cartoon – Figur der BILD- Lilli in aller Öffentlichkeit standest. Um kurz danach als erste Verkörperung, die „einerseits sehr weiblich und aufreizend wirkte, andererseits jedoch immer die unverkennbaren Züge der Unschuld und Naivität eines Babys“1 zeigte ins Rampenlicht zu treten. Ab 1956 hieltest Du als Plastikfigur Einzug in deutsche Kinderzimmer. 1959 erschuf Dich die amerikanische Firma Mattel neu und machte Dich zum Traum aller amerikanischen kleinen Mädchen. Nun wirst Du bereits seit 1964 nur noch Barbie genannt und findest auf der ganzen Welt damit ein Zuhause.

Liebe Barbie, Du bist seit Jahrzehnten Ikone und Schönheitsideal. Du hast es gelernt deinen Körper aufreizend in Pose zu setzen, ob als Mannequin, Sing-Star oder Eiskunstläuferin, stets bist Du einen Schritt vor deiner Konkurrenz den Stoff – Puppen geblieben.

Make me walk, make me talk, do whatever you please  I can act like a star, I can beg on my knees

Make me walk, make me talk, do whatever you please
I can act like a star, I can beg on my knees

Wie gerne haben meine Freundinnen2 und ich im Alter zwischen 7 und 11 Jahren mit dir gespielt, um uns deiner Glamour- und Glitzerwelt nahe zu fühlen. Meine Freundinnen erzählen mir heute noch, dass sie Dich am liebsten an-, aus- und umgezogen haben. Natürlich spielte dabei deine Frisur eine große Rolle, die immer wieder neue Kreationen hervorbrachte. Nur als dann die Haare doch nicht nachwuchsen, konnte es passieren, dass du in der Ecke landetest.Toll fanden sie außerdem deine kleine Schwester Skipper, Ken und deine brunetten Freundinnen, die dir zwar nicht das Wasser reichen konnten, aber einen Kontrast zu dir bildeten.

 

You can touch, you can play,  if you say, I'm always yours

You can touch, you can play,
if you say, I’m always yours

Mit Ken bist Du um die halbe Welt gereist und hast dich auch mal wild knutschend mit ihm in einer Ecke des Kinderzimmers herumgedrückt. Wie hast Du uns alle damit fasziniert: mit deiner dünnen Wespentaille, den wohlgeformten Brüsten und deinem steten Lächeln. Du konntest nie traurig sein, auch wenn Ken Dich wegen einer anderen verlassen hat.

 Doch heute, im 21. Jahrhundert und knapp zwei Jahrzehnte später sehen meine Freundinnen und ich Dich mit anderen Augen. Du bist entweder in den Keller neben anderem Gerümpel gelandet oder aus dem Leben komplett verschwunden. Im Laufe der Zeit bist Du vom Spielzeug zu einem Stück Alltagskultur geworden und hältst unserer Gesellschaft den Spiegel vor.3 Doch deine Welt in rosarot erscheint uns nicht einvernehmlich mit dem Bild einer emanzipierten Frau übereinzustimmen. Du vermittelst die Stereotypisierung der Geschlechter schlecht hin und trägst mit deinen Körpermaßen nicht gerade dazu bei, dass sich Frau in ihrer Haut wohl fühlt.

Meine Freundinnen sagen Du bist:

 ein Spielzeug, das ein verheerendes Ideal vermittelt

                    Die Zuspitzung eines erdrückenden Schönheitsideals für Frauen und Mädchen

                                   Krasse Rollenbilder, krasses Schönheitsideal. Sexistisch.

                                            „frühes“ Symbol eines stereotypen, sexualisierten Frauenideals

                                                               Extrem Klischeehaft

                                                                                      Barbie to hell

(Ken) You're my doll, rock'n'roll, feel the glamour and pain Kiss me here, touch me there, hanky panky

(Ken) You’re my doll, rock’n'roll, feel the glamour and pain Kiss me here, touch me there, hanky panky

Liebe Barbie dein Körper ist die Zerstückelung in optische Sexualsymbole, mit langen Beinen und großem Brustumfang wirst du zum Kennzeichen des Pin-up-Girls, dessen Frausein einzig darin besteht, auf Weiblichkeitsstereotype reduziert zu werden.4 Trotz allem wirst Du nach wie vor von Frauen und Mädchen verehrt. Du bist eine Illusion aus Plastik, die es geschafft hat zum Kultobjekt zu werden. Meine Freundinnen stehen dem kritisch gegenüber und machen sich dabei Gedanken um die Rolle der Frau und darüber, ob Du dich in all den Jahrzehnten überhaupt weiterentwickelt hast, auch wenn du 1989 Armee-Offizier warst. Nach wie vor bietest du eine Projektionsfläche, die zwar mit der neuesten Mode geht, die sich aber dem Wandel der Frauenbilder nicht angeschlossen hat und die Konstruktion von Geschlecht stark begünstigt.

Aber meine Freundinnen wollen keine Puppen sein, die an-, aus- und umgezogen werden oder sich in der Rolle der immer gut gelaunten Frau den Bedürfnissen des Mannes unterstellt. Vielleicht erleben wir es noch, dass Du in „lila Latzhosen“ die Alltagswelt von Barbie revolutionierst? Meine Freundinnen und ich sind auf jeden Fall sehr gespannt darauf.

 

1Warnecke, Dieter. Barbie im Wandel der Jahrzehnte. Ein ausführliches Handbuch für Liebhaber und Sammler.München, Heyne 1995, S.17.

2„Meine Freundinnen“ sind im gesamten Text Interviewpartnerinnen im Alter zwischen 23-36 Jahren

3 „Barbie in Berlin. Kunst, Design und Barbie 1994. In: Vernissage. Die Zeitschrift zur Ausstellung. Nr.1/94. Heidelberg 1994,S.16.

4 40 Jahre Barbie-World.Vom deutschen Fräuleinwunder zum Kultobjekt in aller Welt. Ausstellungskatalog des Badischen Landesmuseums. Karlsruhe 1998, S.70.

Die Fotografien und die darauf abgebildeten Barbies, Ken und Skipper stammen von der Autorin selbst, die verwendeten Untertitel sind dem Songtext der Band Aqua „I´m a Barbie Girl” entnommen.

 

Der Hipster und sein Jutebeutel

Der Hipster trägt einen Jutebeutel. Dies ist eine der ersten Erkenntnisse, die wir aus unserer Studie zur Hipsterkultur ziehen konnten. Als Symbol des Hipsters erlebt der Jutebeutel seit dem vergangenen Jahr einen Aufschwung. Doch als eine Gruppe, in derer sich die Zugehörigkeit der Anhänger durch ihre Kleidung definiert, ist dieses Phänomen schnelllebig und wandelbar. Hat also jeder Hipster auch einen Jutebeutel? Gibt es überhaupt noch ein Symbol, das Männer und Frauen gemeinsam auszeichnet und über das man sie als Hipster identifizieren kann?

Fragt man einen Menschen mit Jutebeutel – egal ob männlich oder weiblich – sagt er, er sei kein Hipster. Ebenfalls ein typisches Merkmal dieser Subkultur. Fragt man Jemanden ohne Jutebeutel wird er ebenfalls sagen, er sei kein Hipster, auch wenn er sich durch den in der Studie genannten typischen Kleidungsstil auszeichnet. Wie findet man also heraus ob der Jutebeute das Symbol der jugendlichen Hipsterkultur ist, wenn jeder sagt, er habe mit Hipstern nichts zu tun?

Für unsere Studie haben wir Menschen gefragt, was sie von dieser Subkultur halten und vor allem woran man sie erkennt. Einig waren sich alle über deren Motivation: Der Hipster folgt keiner politischen oder gesellschaftlichen Ideologie. Er ist einzig und allein darauf bedacht individuell zu sein. Sein Erkennungsmerkmal ist kein bestimmtes Auftreten, kein bestimmtes Zeichen oder eine Geste, einzig und allein die Kleidung macht einen Hipster als Hipster erkennbar. Wie diese Kleidung aber genau auszusehen hat, darüber herrscht keine Einigkeit. Dass sich aber Frauen und Männer unterscheiden, glauben die meisten zu wissen. Die Schwierigkeit ist es also eine charakteristisches Symbol für eine Gruppe zu finden,  die man nicht klar definieren kann – die sich vielleicht auch gar nicht definieren lassen will.

Warum also ist es so schwer etwas zu finden, das alle Angehörigen dieser Gruppe auszeichnet? Zuerst einmal gibt es keine klaren Stilvorgaben. Ein männlicher Hipster kann laut den Umfrageergebnissen Bart und Holzfällerhemd tragen, genauso gut kann er aber auch ein altes Hemd zur Röhrenjeans anziehen. Das Hipster-Mädchen trägt einerseits Nerdbrille und Turnschuhe, andererseits auch Wollmütze und weite Shirts. Diese Stilbrüche sind sicher auch eine Folge der gewollten Individualität. Wer versucht individuell zu sein, lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Wie einer der Studienteilnehmer richtig anmerkt, wäre es „falsch Hipster definieren zu wollen, da eine Definition einer Kategorisierung gleicht und sich Hipster nicht kategorisieren lassen wollen.“

Eine Definition über ein bestimmtes Merkmal ist tatsächlich schwierig, die Definition über einen gesteigerten Wille zur Individualität schon eher möglich. Als Projektionsfläche eines eigenen individuellen Statements – einer Meinung, die nur wenige teilen – ist der Jutebeutel gut geeignet, sowohl für Männer als auch für Frauen. Aber ist das Hipstertum überhaupt noch eine eigene Subkultur oder vielmehr schon ein allgemeiner vestimentärer Trend? Diese Frage gilt es weiter zu erforschen, denn mit den Ergebnissen unsere Studie können wir sie leider nicht beantworten. Fakt ist jedoch: Der Jutebeutel scheint ein praktisches Hilfsmittel im Kampf der Individualitäten zu sein – für Hipster und Nicht-Hipster.

Das Problem mit der Individualität – Frauen in der Hipsterwelt

Seit Monaten geistert ein neues Phänomen durch die Medien. Der Hipster, eine neue
Subkultur, die von New York zuerst nach Berlin überschwappte und von dort aus ganz
Deutschland besiedelte. Doch die Hipster-Bewegung ist keine Bewegung im klassischen
Sinne. Weder verfolgen deren Anhänger eine ideologische Motivation, noch zählen sie sich
selbst zu dieser Subkultur und lehnen den Begriff Hipster als charakterisierenden
Namenszusatz strikt ab. Was macht also einen Hipster aus? Wie erkennt man ihn und
worüber definiert er sich?
Es ist vor allem der Drang zur Individualität und die Abgrenzung zu anderen Menschen, die
den Hipster ausmachen. Dies lässt sich am Besten durch die Art des Sich-Kleidens realisieren.
Eine fast ausschließliche Definition über die Kleidung macht dieses Phänomen schnelllebig
und wandelbar. Da es einem vestimentären Trend folgt, verändert es sich schnell.
Auffallend ist die mediale männliche Konnotierung dieser Subkultur. Weibliche Hipster sind
entweder rar oder schwer zu definieren, deswegen hat es uns interessiert, wie weibliche
Hipster von der Gesellschaft wahrgenommen werden. Anhand einer Umfrage und einer
teilnehmenden Beobachtung haben wir versucht, eine gesellschaftliche Definition des
weiblichen Hipsters zu erstellen.
Während weibliche Hipster in der Umfrage genau beschrieben werden sollten, wurde zu
Hipster-Männern speziell nichts gefragt, dafür aber zum Hipster-Phänomen generell.
Auffällig war, dass bei dieser Beschreibung häufig Merkmale männlicher Vertreter genannt
wurden, die sich meist nicht viel unterschieden. Demnach trägt der Hipster-Mann Bart, enge
Jeans, Nerd-Brillen und Flanellhemden – vor allem Second-Hand-Mode.
Im Vordergrund stehen Individualität, Lockerheit und vor allem das Überschreiten von
kleidungstechnischen Grenzen. Mit einer bestimmten Kleidungsweise geht auch ein
bestimmtes Konsumverhalten einher. Dieses ist vor allem geprägt von Szenegetränken aus
natürlichen Zutaten (z.B. Club Mate) und fair gehandelten und biologischen Nahrungsmitteln.
Typische weibliche Hipster-Merkmale gibt es laut der Umfrage nicht. Nur in einem sind sich
die Befragten einig: auch das Hipster-Mädchen ist locker und individuell. Eine Erklärung für
die charakteristische Ratlosigkeit findet sich in den Umfrageergebnissen ebenfalls. Frauen
seien generell “offener in Modefragen” und es gebe “mehr verschiedene Stile”. Wie grenzt
man sich also von anderen ab, wenn nicht durch großflächige Kleidung wie Hose oder Jacke?
“Hipster-Weibchen” definieren sich vor allem über Schuhe und Accessoires. Auffällig sind die
bei den Schuhen genannten Modemarken, die vor allem aus der Skater-Kultur stammen.
Beispiele hierfür sind Vans, Converse und auch Nike. Während sich das “Hipster-Männchen” also eher mit der Mode aus dem letzten Jahrzehnt kleidet, wählt das Hipster-Mädchen Kleidung
und Accessoires bekannter Marken aus.
Die männliche Konnotierung dieser Subkultur hat wohl nichts mit einer stereotypischen
Bevorzugung des männlichen Exemplars zu tun. Laut den Ergebnissen der Umfrage ist
Individualität bei Frauen schwerer auszumachen, weil sie vestimentär generell sehr
individuell sind. Deshalb ist es schwer eine Definition anhand bestimmter äußerer Merkmale
zu verfassen. Einzig die Affinität zu bestimmten Marken lässt auf einer Zugehörigkeit zu
dieser neuen Subkultur schließen, obwohl diese Zugehörigkeit wahrscheinlich von diesen
selbst bestritten werden würde.

 

 

Kompakt, praktisch, … pink. Das Werkzeug für die Frau.

Pink, sportlich- elegant, stylisch und alles andere als langweilig. Keines dieser Attribute darf fehlen, wenn im Internet und anderswo für Werkzeug geworben wird. Für „das perfekte Frauen-Werkzeug“1. Freilich, das Angebot lässt an Vielfalt fehlen, wenn es um Einsatzmöglichkeiten geht. So ist etwa im 28- teiligem Werkzeugkoffer der Marke „Tussi on Tour“2 lediglich Hammer, Zange, ein Satz Schraubenzieher sowie eine Wasserwaage enthalten, die aussieht als wäre sie eben einem Überraschungsei entsprungen. Und im Bereich der Elektrowerkzeuge sieht es ähnlich mager aus. Angepriesen werden keine Tischkreissägen oder Bohrhämmer, sondern nur einige wenige „frauentaugliche“ Akkuschrauber.

Sei es wie es ist, Ausgleich findet diese Knappheit in der Vielzahl der designerischen Spielereien, die die bunten Haushaltshelfer3 unschlagbar attraktiv, wenn auch nur begrenzt nutzbar, machen. Von rosa über pink bis buntgeblümt findet sich in kleinen, großen und mittleren Werkzeugtäschchen- und köfferchen, selbst zum Teil mit Strass verziert, scheinbar alles, was das Heimwerkerinnenherz begehrt.

Demgegenüber gestaltet sich die Suche nach „Männerwerkzeug“ deutlich schwieriger, denn hier war schwer festzustellen, welches Werkzeug denn nun explizit für Männer geeignet ist.

Die Antwort: Jedes, ausgenommen natürlich das Bunte, den Frauen vorbehaltene, Werkzeug. Wie selbstverständlich wird herkömmliches Werkzeug dem Mann zugeordnet, unabhängig davon wie gut oder schlecht er damit umzugehen versteht.

Beworben mit Eigenschaften wie kraftvoll, professionell, präzise und beschrieben mit vielerlei Zahlenwerk, kann sich das „Männerwerkzeug“ zwar in puncto äußerer Erscheinung kaum mit seinem „weiblichen“ Pendant messen, aber seine Einsatzbereiche sind schier endlos. Professionell schraubend, schleifend, sägend, fräsend, bohrend und mähend präsentieren sich die meist männlichen Werbefiguren der Werkzeughersteller4. Frauen sind oft nur staunend dreinblickendes Beiwerk, ob des heldenhaften Umgangs ihrer Artgenossen mit schwerem Gerät.

Was ist nun die Intention der Anbieter von „Frauenwerkzeug“? Wollen sie mit ihren Angeboten wirklich gegen die Vorstellung kämpfen Werkzeug, und damit auch Handwerk, sei eine männliche Domäne, in der Frau nur eine Rolle spielt, wenn sie halbnackt und lüstern vom Kalender auf die Werkbank blickt?

Dagegen spricht die Tatsache, dass dieses Werkzeug einem materialisierten Klischee entspricht, welches sich in Farbe und Handhabung scheinbar weiblichen Vorlieben anpasst. Es werden Rollenbilder zelebriert und wiederholt, die den vermeintlichen Vorstoß, Frauen an Werkzeug heranzuführen, ad absurdum führen. So präsentieren sich „Frauenwerkzeuge“ eher als Partygags und lustige Geschenke für „echte Tussis“5 denn als ernstzunehmende Beispiele für einen emanzipierten Umgang mit der immer noch männlich dominierten Welt des Handwerks.

 Doch wenngleich die Betreiber von Seiten wie tussiontourshop.de eine gewisse Zielgruppe ansprechen mögen, sind in entsprechenden Foren überwiegend Stimmen zu hören, die die Angebote als Marketing-Strategien entlarven und Werkzeug nicht als männliches, sondern menschliches Hilfsmittel verstehen. Um mit Pinguin3 zu sprechen: „Gutes, praktisches, funktionstüchtiges Werkzeug muss nicht speziell für Frauen konzipiert sein, damit die auch damit umgehen können.“6

3Man mag es mir verzeihen, dass ich rosafarbene und buntgeblümte Variationen der Gattung Werkzeug nicht im Professionellen-, sondern eher im Haushalts- und Heimwerkerbereich verorte, wohin sie der Hersteller zweifelsfrei auch hingedacht hat.

4Besonders zu empfehlen ist hier das Werbevideo für Boschs blaue Elektrowerkzeuge:

http://tooltv.de/youtube/Echt-Bosch-!-Blaue-Elektrowerkzeuge-von-Bosch-f%C3%BCr-Profis-aus-Handwerk-und-Industrie/0e5d3ae201277b815e0f57f5339a2d92. 29.09.2013.

Frauensachen und Männersachen auf der Straße und das Mitnehmen der Trödelsachen

Hallo liebe Martina,

Du hast mir erzählt, dass H. der Sperrmüllkönig, ein promovierter Hydrogeologe, einst in den 90-er Jahren die Straßen von Tübingen mit dem Fahrrad durchquerte. Er soll am Anfang der Neckarhalde, in der Nähe des Restaurants „Traube” gewohn haben. Er lebte in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit seinem Freund und bewahrte da all den Trödel auf, den er jährlich zweimal aus dem Sperrmüll heraussortierte. Vor allem sammellte er allerlei Holzwaren und Fahrräder. Reparaturbedürftige Fahrradgestelle waren auch vor dem Haus zu finden, was oft zu Konflikten mit den Nachbarn führte. H. sammelte mit Vorliebe, die in der Stadt auffindbaren, defekten oder verlassenen Fahrräder, setzte sie instand und verkaufte sie dann auf dem Flohmarkt. Die Tätigkeit von H. könnten wir gemäß dem Gesetzesartikel des gültigen Kreislaufwirtschaftsgesetzes der Kategorie „Vorbereitung zur Wiederverwendung”1 zuordnen.

 H. hatte später seine Wohnung aufgegeben und kam, zusammen mit seiner Freundin T., deren Beruf Hebamme ist, in deine große Wohnung an der Neckarhalde zur Untermiete. Der aufgehäufte Sperrmüll stellte ein ständiges Problem dar. Der Erfindergeist von H. und dass er vom Markt eine große übrig gebliebene und als Abfall bestimmte Menge Gemüse und Obst nach Hause brachte,  überwältigte die Wohngemeinschaft der meist allein lebenden, arbeitenden Frauen im Haus. H. arbeitete auch auf dem Markt. Nie habt ihr so viel Marmelade gekocht! Er nahm nicht nur an den Prozessen zum Sperrmüll-Recycling in Tübingen der 90-er Jahre teil, sondern auch an der Reduzierung des Bio-Abfalls. H. bekam daraufhin für zwei Jahre eine fachspezifische Arbeitsmöglichkeit in China. Dort hatte er sich jedoch keine Wohnung gemietet, sondern ließ sich an seinem Arbeitsplatz nieder. Auf diese Weise sparte er viel Geld an und kehrte in seine Heimat zurück. In der Nähe von Tübingen, in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb, fand er die entsprechende Scheuer für die Aufbewahrung seiner Sperrmüll Sammlung, mit dazugehörigem Wirtschaftshaus und Land. Dort führt er eine autarke bäuerliche Lebensweise…

 Die Geschichte von H. dient für mich als Fallbeispiel dafür, welche Umwege eine grundlegend produktorientierte Person in der städtischen Konsumgesellschaft der vergangenen Jahrzehnte  zurücklegen musste. In der Gesellschaft des Massenkonsums erreichten die Objekte, die in der Kategorie „Abfall” angelangt sind, nach seiner Auffassung nicht die Endstation, sondern dienten als Grundstoff zu seiner Tätigkeit auf dem Gebiet „handwerkliches Recycling”2 Sein Weg führte zum ländlich-wirtschaftlichen Lebensstil, wo seine Beziehung zur Welt der Gegenstände (Austauschen, Reparieren, Abnutzen, Umnutzen) rentabel durchgesetzt werden konnte.

 James Clifford plädiert in seiner museumskundlichen Studie „Sich selbst sammeln”3 für solche ethnographische Ausstellungen. Dabei ist die geschichtliche Selbstprüfung, die Ausstellung und die Annahme der nicht westliche Gegenstände das Ziel. Dies könnte die gut umgesetzten Methoden der Anthropologen, der Künstler und ihres Publikums, in ihrer Art sich selbst und die Welt zu betrachten und zu sammeln, erschüttern. „Statt Objekte allein als kulturelle Zeichen und künstlerische Ikone zu verstehen”4, hält er die Rückkehr zum verlorenen Fetisch-Status der Gegenstände für wichtig, was zugleich auch das Erkennen unserer eigenen, privaten Fetische bedeutet. Über den musealen Rahmen hinaus kommt im Laufe des Stöberns in der Trödelware die Unerklärlichkeit, der Fetisch-Charakter und die Bedeutung des Sammeln dieser Objekte für uns, im Sinne der Stärkung unserer Identität und unseres sozialen Geschlechts, unserer intimen Beziehung zu den alltäglichen Gegenständen zum Vorschein.

 Der bedeutendere Teil der Trödelwaren im heutigen Tübingen findet schnell einen neuen Besitzer, erzählte mir eine Frau in der Naucklerstraße. Sie brachte zum Beispiel die aussortierten Kleider ihrer Schwiegermutter aus Oberboihingen nach Stuttgart, nachdem sie erfahren hatte, dass dort eine Frau eben diese Kleidungsstücke und Textilien brauchen könnte.  Die in den Altkleidersammlungs-Container gelangten Stücke, würden sowieso wiederverwertet werden. Die Betroffene hat die Kleider auch mitgenommen.

 Ich habe meine Beziehung zum Straßentrödel durch Selbstbeobachtung untersucht und als eine Frau mittleren Alters, die in einer Beziehung lebt, ein erwachsenes Kind hat, viel reist, daneben aber über ein eingerichtetes Heim verfügt und nach der Frische des Minimalstils strebt, habe ich versucht keinerlei Gegenstände an mich zu nehmen. Ich konnte in zwei Fällen nicht widerstehen. Einmal waren es ein Paar blaue English Style Keramik Teller, mit der Markeninschrift „Lunéville France” versehen, das andere Mal ein altes afrikanisches Giraffenhaar-Armband. Mit den Worten von James Clifford: „Hier ist Sammeln unausweichlich an Obsession, an Erinnerung (recollection) gebunden.”5

Martina, ich füge meinem Eintrag auch ein Paar Fotos bei, wie ich die errungenen Sachen wiederverwende. Ich möchte noch soviel hinzufügen, dass die Katzen es nicht ausstehen können, wenn sie fotografiert werden.

Liebe Grüße: Anna

 

1 § 3 Absatz 24 KrWG. In: Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen (Kreislaufwirtschaftsgesetz KrWG) vom 24. Februar 2012. http://dejure.org/gesetze/KrWG/3.html (Zugriff: 15.09.2013)

2 Hans Peter Hahn: Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin 2005. S. 43.

3 James Clifford: Sich selbst sammeln. In:Gottfried Korff/Martin Roth (Hg.): Das historische Museum. Labour, Schaubühne, Identitätsfabrik. Frankfurt a.M./New York 1990. S. 87-106.

4„Ebd., S. 103.”

5„Ebd., S. 87.”

Was trinken Mann und Frau oder Bier für ihn und Cocktails nur für sie?!

In unserer zweiten Forschung waren wir auf der Suche nach dem typischen Männer- und Frauengetränkt und sind somit auf den Alkoholkonsum von männlichen und weiblichen Studenten eingegangen. Wir wollten herausfinden, ob es Ähnlichkeiten oder sogenannte Unisex alkoholische Getränke von Männern und Frauen gibt.

Unseren Versuch der direkten Befragung, sind wir an der Bibliothek auf unterschiedliche Gruppen zugegangen und haben eine kleine Diskussion und Befragung gestartet. Dabei sind wir auf die verschiedenstes Gruppierungen gestoßen, von Alternativen über Hipster bis hin zu Rockern und Gamer.

Schnell haben wir bemerkt, dass das Bier sich sehr stark bei den Männern zum Hauptgetränk durchgesetzt hat. In allen Gruppen gaben die Männer, wie aus der Pistole geschossen an, Bier zu trinken, als hätten wir darauf gewartet, was wir schlussendlich auch wirklich gemacht haben.

Die meisten Biertrinker stammen aus den Rockergruppen, da hier auch die Frauen fast ausschließlich zum Bier greifen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass so „ab und zu mal eine Weinschorle auch ganz nett ist.“

Auch die Alternativgruppe bevorzugt das Bier, hier auch die Frauen, obwohl sie eher das Becks genießen, was von den männlichen Biertrinken keineswegs als Bier anerkannt wird.

Die Hipster Gruppe die wir befragt haben, war sehr redefreudig und erzählte uns allerlei Erfahrungen mit Alkohol. Jedoch kam auch hier raus, dass Männer eher die Biertrinker sind, die Frauen aber auch sehr gerne einen Cocktail bestellen. Zu unserer Überraschung waren hier die ersten Männer, die angaben zur Abwechslung auch gern mal einen Longdrink genießen.

Unsere letzte befragte Gruppierung die Gamer, sind die experimentierfreudigsten und waren von allen Getränken über die wir sie gefragt hatten sehr angetan und meinten sie trinken alles, jedoch fehlt ihnen dazu leider das Geld.

Zusammenfassend konnten wir feststellen, dass Mann mit großer Mehrheit Bier trinkt, allerdings gelegentlich sein Getränk auch dem Anlass und der Umgebung anpasst. Zum Beispiel trinken die männlichen Studenten in der Studentenkneipe Kuckuck überwiegend Bier, wenn es aber mal nach Stuttgart in eine eher edlere Disko geht, werden auch mal Longdrinks bestellt.

Was jedoch bei allen Gruppen und egal ob männlich oder weiblich heraus kam war, dass Shots, von allen gern zum “Vorglühen” getrunken werden.

Was wir sehr interessant fanden war, dass Männer sich mit einem Cocktail in der Hand eher feminin fühlen und sie deshalb eher ablehnen. Ein sehr ironischer, aber die Einstellungen treffender Kommentar war: „ich bin doch nicht gay.“

Doch woher kommt es, dass Männer sich mit einem Cocktail nicht so maskulin fühlen, während Frauen trinken wonach ihnen auch immer ist, ohne dass sie sich nicht feminin genug fühlen?

Dieser Frage sind wir nachgegangen und haben uns auf die Suche nach Männern und Cocktails gemacht, dabei sind wir auf das Männermagazin „Men’s Health“ gestoßen. Darin haben wir zwar auf Artikel mit Männern in Verbindung mit Cocktails gefunden, allerdings waren alle Bilder auf der Seite ausschließlich Frauen mit Cocktails in der Hand. Die Umfrage in der Zeitschrift, bestätigt zwar, dass Männer den Cocktail nicht ablehnen, ihn jedoch auch belächeln.

Somit kann man abschließend sagen, dass alkoholische Getränke nicht von vornherein geschlechtsorientiert sind, sie aber durch unsere Gesellschaft so gemacht werden, weshalb Mann sich mit einem Bier wohler fühlt als mit einem knallbunten, süßen Cocktail.

 

Frauenautos – Männerautos

Diese Woche war ich in meinem Heimatstädtchen auf einer Autoausstellung und habe Erstaunliches, wenn auch Vorhersehbares, beobachten dürfen. Es gibt, genauso wie es geschlechtsspezifische Lebensmittle gibt, auch geschlechtsspezifische Autos.

Ich habe hierfür in meinem Verwandtenkreis und bei Freunden nachgefragt, insgesamt 9 Männer und 9 Frauen, zwischen 26 und 55 Jahren zu ihren Vermutungen, Klischees und eigenen Autos befragt. Alle befragten sind selber Besitzer eines Autos.

Typische Frauenautos, die auch von der Industrie als solche vermarktet werden, sind klein, damit Frau auch gut einparken kann, sehen süß aus mit großen Scheinwerfern „sie gucken nett“ und erfüllen das typische Kindchenschema.
Beispiele hierfür die jeder kennt sind der VW Beetle, der Mini, Twingo, Smart und Fiat Panda. Dies sind natürlich auch die, wenn man so will, krassesten Beispiele an typischen Frauenautos. Ich stand vor einem VW Beetle und der hatte zu seiner knallpinken Lackierung auch noch die typische Blumenvase am Armaturenbrett. Desweiteren waren die Sitze mit einem Leopardenplüsch-Bezug überzogen – es war ein schauerlicher Anblick.
Zu meiner Erheiterung stand ich neben zwei Herren in den Mittdreißigern, welche kopfschüttelnd neben diesem Auto standen und es schier nicht fassen könnten, dass Leute und vor allem Frauen, so ein Auto freiwillig fahren würden. O-Ton: „Herrje, was für nen Frauenauto, da müsstest du mich schon reinprügeln.“ Ein bisschen Verständnis hatte ich für seine Reaktion.

All diese typischen Frauenautos erfüllen die Klischees und halten sie somit auch aufrecht. Frauen können nicht einparken, baut bloß kleine Autos!  Frauen lieben knallige Farben und Extras wie den Mini Cooper mit der englischen Flagge auf dem Dach und Autos sollten immer „wie etwas“ aussehen: sprich, der Beetle eben wie ein Käfer – niedlich, der Mini ist „knuffig, kurz und kultig“ und auch der Smart ist einfach nur  „schnuckelig“.

2013_VW_Beetle

Auch die Zeitschrift „Autobild“ kürt jedes Jahr ein „Frauenauto des Jahres“ – gewonnen hat dieses Jahr ein ziemlich unspektakulärer Ford Fiesta, einfach aus praktischen Gründen wie seiner Sparsamkeit. Für Frauen sind Autos in erster Linie immer noch Alltagsgegenstände, sie werden gekauft beim Autohändler ihres Vertrauens und ausgewählt nach optischen Gründen, der Sparsamkeit und der Umweltfreundlichkeit.

Der Gewinner von „Autobild“ ist ein Auto das für Männer nie in Frage käme.
Für Männer sind Autos vielmehr ein Aushängeschild, relevant sind Marke und reichlich PS. Laut Autobild hat ein Männerauto im Schnitt 115 PS und kostet bei der Neuanschaffung durchschnittlich 24.200€. Während Frauen nur 16.700€ ausgeben und sich mit 92 PS begnügen.

Die klassischsten Männerautos, wie die amerikanischen Muscle Cars aus den 1960ern, protzen mit ihrer hohen PS-Zahl, wirken beinahe angsteinflößend und haben ein martialisches Design.
Männer zelebrieren ihre Autos. Nicht umsonst wird auch hier von der Industrie darauf geachtet was Mann will. Die Stammsitze der großen Marken, wie Mercedes Benz und BMW sind das reine Paradies für die Männerseele.

Mercedes-Benz_SL_500

Wenn Mann seinen Neuwagen ab Werk abholt, für diesen Spaß werden ungelogen Strecken von 700km zurückgelegt, muss ihm auch was geboten werden. Für das erlangen dieser Wohlfühl-Atmosphäre werden regelrechte Tempel gebaut um dem ganzen Prozedere auch den richtigen Rahmen zu geben und somit auch eine Bindung zur Marke zu erreichen. Es wird zelebriert ohne Ende: Werkbesichtigung, eigene Gastronomie, Museum und schlussendlich die persönliche Schlüsselübergabe mit Erklärungen zur Sonderausstattung.

 

http://www.autobild.de/artikel/frauenauto-des-jahres-2013-4288654.html

 

http://www.autobild.de/artikel/autokauf-studie-3694069.html

Bilder stammen aus: 1. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:2013_VW_Beetle_-_First_Drive_%288555519961%29.jpg?uselang=de

2. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mercedes-Benz_SL_500_BlueEFFICIENCY_Sport-Paket_AMG_%28R_231%29_%E2%80%93_Heckansicht,_8._August_2012,_Velbert.jpg?uselang=de

 

 

Stoßt nochmal an – Getränke in Armenien

Wie schon Thema meines letzten Beitrages “Je hochprozentiger desto männlicher – Getränke auf der Genderbühne” (http://www.lui-styleguide.uni-tuebingen.de/wp-new/?p=397) werde ich mich auch dieses Mal wieder Frauen- und Männergetränken beschäftigen. Noch einmal werde ich der Frage nachgehen, ob es typische Frauen und Männergetränke gibt und nach welchen Mustern diese konsumiert werden. Allerdings hat sich der Schauplatz meiner Untersuchung geändert, denn ich bin in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens am Fuße des Berg Ararat. Armenien ist für seine Trinktraditionen und besonders für seinen Wein und Cognac bis weit über seine Grenzen hinaus bekannt.

Im Rahmen meiner kleinen Untersuchung befragte ich 10 InterviewpartnerInnen, fünf davon männlich und fünf weiblich, zu typischen Männer- und Frauengetränken. Während ich in Deutschland sofort einige Antworten bekam, fiel mir auf, dass ich in Armenien die Frage meistens nochmal mit einem Beispiel illustrieren musste, um sie verständlich zu machen. Die Reaktionen kamen sehr zögerlich. Meine GesprächspartnerInnen überlegten länger und die Antworten waren nicht so deckungsgleich wie es in Deutschland der Fall war.

Trotzdem stellte sich heraus, dass Männer vor allem The_perfect_martiniWodka und natürlich Bier und Wein konsumieren. Bier und Wein trinken Frauen allerdings ganz genau so. Wein trinkt in Armenien generell jeder – dabei wird auf das Alter keine besondere Rücksicht genommen – und Bier wurde von meinen GesprächspartnernInnen als neutrales Getränk empfunden. Vereinzelt nannten meine InformatenInnen Champagner, sowie bunte und süße Cocktails als typischen Frauengetränke, wobei natürlich die Optik eine große Rolle spiele. „Außerdem sei Martini ein Frauen-Getränk, welches Frauen für sich entdeckt haben und Männern weniger konsumieren“. Aperol Spritz, Hugo und spezifische Mischgetränke hat keiner meiner Gesprächspartner erwähnt. Auch wurden keine typische Getränkecharakteristika wie z.B. Geschmack, Aussehen und Konsistenz genannt. Alle meine InformantenInnen waren sich letztendlich einig, dass es weniger darum gehe was genau getrunken würde, sondern vielmehr darum wer, zu welchem Anlass wie viel trinkt. Cognac zum Beispiel wird von Frauen und Männern zu Anlässen und auch bei so manchen geschäftlichen Verhandlungen konsumiert. Wein ist Teil der Tradition und  in geschlechtsentsprechenden Mengen immer für alle angemessen.

Männer trinken allerdings allgemein wesentlich mehr Alkohol als Frauen. Außerdem sind trinkende Männer auch eher im öffentlichen Raum anzutreffen als trinkende Frauen, welche weniger in Bars und Cafes zu alkoholischen Getränken greifen. Da es sich nicht „schickt“ als Frau die Contenance zu verlieren, wird der übermäßige Alkoholkonsum von Frauen vermieden oder findet nur im privaten Raum statt. Männer sind davon nicht beeinflusst und können trinken „wie die Russen“ ohne den Ruf zu gefährden, was auch auf den großen russischen Einfluss zu Zeiten der Sowjet Union zurück zu führen ist.

Auf meinen Streifzügen durch die Cafes und Bars in Eriwan, konnte ich die Beschreibungen meiner Gesprächspartner schnell wieder erkennen. Frauen griffen oft zu nicht alkoholischen Getränken wie Saft oder Cola. Natürlich gab es auch Frauen, die alkoholische Getränke bestellten, dies war jedoch nicht die Mehrheit. Männer tranken in der Regel alkoholische Getränke, allerdings querbeet von SchnapsArarat_brandy_from_yerevan, „harten“ oder „bunten“ Mixgetränken über Bier, Wein und sogar hin und wieder Cocktails. Ein Gesprächspartner erzählte mir, dass die Mehrheit der Frauen überhaupt keine Bars besuche und generell nur sehr selten und zu Anlässen tränke. Diejenigen, welche ich in den Bars und Kneipen anträfe, gehören zu einem Teil der Gesellschaft, welcher sich mit westlichen Werten sozialisiere und nicht in so traditionelle Familienstrukturen eingebunden sei.
Ich beschloss einen Selbstversuch zu starten und bestellte mir ein Bier, einen Wein und später einen Wodka und wurde dabei aber keineswegs schräg angeschaut. Vielleicht weil ich ganz offensichtlich eine Ausländerin bin, oder aber einfach weil die jeweiligen Getränke nicht fest mit einem spezifischen Geschlecht assoziiert werden?

Auch in Armenien machte ich mich in Supermärkten auf die Suche nach geschlechtsspezifischen Getränkeverpackungen. Allerdings konnte ich keinerlei Genderindizien auf den Packungen der angebotenen Produkte finden. Weder gab es rosa Sektflaschen noch Dosenhugo oder „weibliche/männliche“ Weinflaschen. Ich bin mir sicher, dass in einem Supermarkt, welcher hauptsächlich importierte Waren führt, auch diese Produkte zu finden gewesen wären, doch in den Läden die ich im Rahmen meiner Untersuchung besuchte, konnte ich keine Gendercodes auf Verpackungen entdecken. Ähnlich verhielt es sich mit den Werbeplakaten für Getränke, die in der ganzen Stadt auf diversen Flächen zu finden waren. Die meisten Plakate stellten einfac20130824_143526h und schlicht das Produkt in den Mittelpunkt. Manchmal eingebettet in eine Landschaft oder andere umrahmende Elemente, die hin und wieder auch von Personen dargestellt wurden. Bis auf Werbung für russischen Wodka, welche das Produkt mittels einer leicht-bekleideten Blondine bewarb, waren für mein Auge auch auf der Printwerbung keine geschlechtsspezifischen Werbestrategien zu erkennen. Spielen die Geschlechteridentitäten keine so große Rolle oder gibt es keine geschlechtsspezifischen Stereotypen?

An dieser Stelle möchte ich nochmal auf die, im letzten Beitrag vorgestellte, These aus einer Studie des Social Issues Research Centre¹ zurückzukommen, welche die verschiedenen Regeln und Verbote, die den Konsum von Alkohol begleiten, als Spiegel für die generellen Werte, Vorstellungen und Gesinnungen einer Gesellschaft darstellt.

Würde man also von genderspezifischen Regeln und Verhalten, welche Getränke in Armenien begleiten, auf weitere kulturelle Phänomene schließen, könnte man annehmen, dass in Deutschland viel gefestigtere Geschlechterrollen zu finden sind, da die Zuschreibungen viel spezifischer und bewusster waren als in Armenien. Armenien vermittelt aus dieser Perspektive fast den Eindruck, als würden Geschlechterrollen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Betrachtet man die Situation aber genauer und nimmt z.B. den aktuellen Bericht des World Economic Forums² zu Gleichstellung zur Hand, wird schnell ersichtlich, dass sich Armenien im Punkte Gleichberechtigung auf Platz 92 von insgesamt 135 Ländern befindet, während Deutschland auf Platz 13 rangiert. Die Rollenverteilung ist in der armenischen Gesellschaft also wesentlich stärker ausgeprägt und Frauen werden aufgrund kultureller Konventionen nicht gezielt mit spezifischem Getränkekonsum in Verbindung gebracht. Dieses Phänomen würde also der oben dargestellten These widersprechen, oder sie in soweit hinterfragen, als dass die generellen Werte eines Phänomens, in diesem Fall Getränke, nur deutbar sind, wenn der Deutende bereits über ein breiteres Verständnis der untersuchten Realität verfügt und so eher in der Lage ist das Beobachtete entsprechend der Gesamtsituation einzuordnen. In diesem Sinne, sparen wir uns doch lieber den Rückschluss von diesem Einzelfall auf allgemeinere Phänomene und lassen Getränke betreffende Gendercodes lieber da wo sie herkommen, nämlich bei den Getränken.

Nachweise:
² World Economic Forum 2012: Global Gender Gap Index.http://www.weforum.org/issues/global-gender-gap.

¹ SIRC 1998: Social and Cultural Aspects of Drinking. A report to the European Commission. S. 21. http://www.sirc.org/publik/social_drinking.pdf.

 

Das Jutebeutel-Phänomen

Der Jutebeutel – sowohl Gebrauchsgegenstand als auch modisches Accessoire, hat sich in den letzten Jahren in der Gesellschaft (re-)etabliert. Einst galt er als angestaubtes Öko-Produkt, das unmittelbar mit dem Nachhaltigkeitsaspekt verbunden war, und von Menschen getragen wurde, die von einem immensen Umweltbewusstsein geprägt waren.  Von Supermarktketten angeboten, um Einkäufe sicher zu transportieren und von Müttern wiederverwendet, um die Sportsachen Ihrer Kinder zu verstauen, was Ihnen nicht selten peinlich war, besaß er doch damals noch kein trendy Image.

Wurde man früher in der Umkleidekabine einer Grundschule für einen Stoffbeutel verspottet, gehört man inzwischen als Besitzer eines Jutebeutels einer hippen Generation an. Ursprünglich schlicht und praxisorientiert, kann man ihn heute in unzähligen Designs, Aufschriften und Mustern erwerben. Dabei wird diesen teilweise große Bedeutung beigemessen; ein Statement, dass den Mitmenschen präsentiert wird. Inzwischen ist der Jutebeutel auch das Symbol der Hipsterkultur: umweltbewusst, abgrenzend, ausgefallen.  Je individueller desto besser.

Wir wollten natürlich wissen, ob sich in diesem ganzen Hype rund um diese Stofftasche, eine geschlechterspezifische Teilung erkennen lässt. Trägt Frau mehr Jutebeutel und wenn ja aus welchem Anlass? Legen Männer mehr Wert auf die auszusendende Botschaft? Wir haben nachgefragt…                                                                                                                                             In einer Umfrage, die ausgewogen Männer und Frauen berücksichtigt, haben wir neue Erkenntnisse gewonnen. Von zehn Befragten im Alter von 18-30 Jahren gaben nur zwei Männer an sie hätten keinen Jutebeutel im Gebrauch. Gründe für die Nutzung waren immer ähnlich, bei beiden Geschlechtern. Er sei „praktisch“, man könne „ alles hineinwerfen“. Zudem war der angesagte Aspekt auch ein wichtiges Kriterium; die Tatsache damit hip zu wirken, war ebenfalls ein Aspekt, der die Verwendung des Jutebeutels bei beiden Geschlechtern förderte. Unsere voreingenommene Vermutung, Frauen würden sich mehr Gedanken bei der Auswahl ihres Beutels im Hinblick auf das Motiv machen, wurde widerlegt. Unseren männlichen Befragten war es genauso wichtig, welches Design ihre Tasche trägt.

Männer gaben auch an, der Jutebeutel sei gerade für Sie eine Möglichkeit Accessoires zu tragen, da Ihre „Auswahl bei Taschen beschränkt sei“.

Alles in allem lässt sich sagen, der Jutebeutel ist nicht mehr von Deutschlands Straßen wegzudenken, dabei lassen sich kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen. Ob als Ausdruck des Hipster-Daseins oder als ökologisch wertvoller und trendiger Alltagsbegleiter- der Jutebeutel ist DAS Unisex-Accessoire schlechthin.

Die “Slim-Zigarette”/der „Nuttenstängel“: Versuch einer kulturhistorischen Herangehensweise.

Wie bereits in meinem ersten Blockbeitrag ( http://www.lui-styleguide.uni-tuebingen.de/wp-new/?p=1477 ) herausgearbeitet wurde, ist das Rauchen von Zigaretten offenbar eine kulturelle Praxis, bei der Demarkationslinien entlang der Geschlechter gezogen werden. In Deutschland, einem Land, in dem gegenwärtig beide Geschlechter rauchen und man eigentlich keine große Abgrenzung von „männlich“ und „weiblich“ diesbezüglich erwarten würde, scheint sie in Form von unterschiedlichen Designs vorhanden zu sein.

Eine geschlechts-spezifische Zuschreibung und Trennung bezüglich des allgemeinen Tabakkonsums schien in der frühen Neuzeit zunächst gering ausgeprägt zu sein.1 Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Rollen von Frau und Mann in der Gesellschaft neu definiert, weshalb im Bürgertum des 19. Jahrhunderts sich geschlechtsspezifisch scharf getrennte Lebenswelten und Rollenerwartungen herausbildeten. Dies manifestierte sich auch im Tabakkonsum, der männlich konnotiert war und von dem Frauen strickt ausgegrenzt wurden.2 Da es – zumindest in den (west)europäischen Städten des 19. Jhs. – als unschicklich galt, im Freien bzw. auf der Straße zu rauchen, wurde innerhalb der Wohnungen und dann ausschließlich in dem Arbeits- und namentlich dem „Herren-“ oder „Rauchzimmer“ geraucht, also nur in Bereichen der ‘männlichen Sphäre’.3

Diese rigorose Zuordnung des Rauchens zur Männerwelt machte es als Symbolträger für Auflehnung und Emanzipationsbestrebungen geeignet. So konnte es nun von Frauen, die in männlich konnotierten Domänen vordrangen, provokativ eingesetzt werden, um die eigene Überwindung der eng gezogenen Grenzen der weiblichen Wirkungswelt zu demonstrieren.4

P1050879Durch die Vermarktung der Zigarette wurden dann ab den 1910er Jahren immer mehr Frauen als Kundenstamm erschlossen.5 Während Pfeife und Zigarre als zu männlich galten, haftete der schlanken Zigarette der 20er Jahre ein Beigeschmack des Femininen an: „Flüchtigkeit, Leichtigkeit und elegante Lebenskunst, verbunden mit einem Hauch von Verruchtheit symbolisierend galt die Zigarette auch als Aufforderungssignal und Accessoire zum Flirt. Rauchende Frauen wurden nun zunehmend als reizvoll und verführerisch dargestellt.“6

Vielleicht hat die Slim-Zigarette der heutigen Zeit, die sehr an die schlanken, oft durch eine Zigarettenspitze verlängerten Zigaretten der 20er Jahre erinnert, ihre Bezeichnung „Nuttenstängel“ in Anlehnung an das damals eher verruchte, anzügliche Image der rauchenden Frau erhalten, ein Beleg für diese Vermutung lässt sich jedoch nirgends finden.

Durch die NS-Tabakpolitik, die sich gegen das Rauchen von Frauen wandte, ging der Trend wieder etwas zurück, nach dem zweiten Weltkrieg aber kam es zu einem massiven Anstieg. Jetzt verlor die rauchende Frau ihr ehemals anrüchiges und provozierendes Image und auf sie wurde eher das Bild der erwerbstätigen und emanzipierten Frau P1050886projiziert. Ab den 60er Jahren warb die Tabakindustrie auf Grund bekanntgewordener Gesundheitsrisiken mit Filter- und teerarmen Zigaretten. Frauen waren hierfür die bevorzugte Zielgruppe. „Dass die schlanken und leichten Zigaretten von Frauen auch schneller angenommen wurden, lag wohl neben dem nicht-männlichen Image auch an der subtilen Suggestion, sie zu rauchen ginge einher mit einer schlanken Figur“.7 In Bezug auf die gegenwärtige politische Debatte zur Abschaffung der Slim-Zigarette heißt es stets: „Die dünnen Slim-Zigaretten werden fast ausschließlich von Frauen und vor allem Mädchen geraucht, weil sie als schick gelten. Wenn es sie nicht mehr gibt, so das Kalkül, wird das Rauchen für diese Zielgruppe deutlich unattraktiver.“8

An dieser Stelle werden mit der Slim-Zigarette zusammenhängende Gendercodes sehr deutlich dargestellt. Erstens scheint sie, im Gegensatz zu den üblichen Zigaretten, durch ihr schlankes Design für eine spezielle Form der Weiblichkeit und ein elegantes, vielleicht in manchen Kontexten auch provozierendes oder verruchtes Frauenbild zu stehen. Dabei spielt die Abgrenzung zu dem, was als „männlich“ betrachtet wird, offenbar eine entscheidende Rolle. Wie bei so vielen anderen Konsumgütern wird mit einem besonderen Design, das als explizit feminin sich von der „Norm“ abgrenzen soll, versucht, die Damenwelt für den Konsum zu gewinnen. Wie auch schon in meinem ersten Beitrag deutlich wurde, scheint der Aspekt: „Diese Sache ist nur für die Frau“ – vielleicht auch in Verbindung mit der eher „abwertenden“ Bezeichnung „Nuttenstängel“ – dazu zu führen, dass Männer sie generell nicht konsumieren wollen und falls doch, dann eher aus Spaß. Bei meinen Befragungen hieß es oft, man würde sie schon mal probieren, aber nicht kaufen. Die Männer, die sie rauchten, schienen durch das Einnehmen weiblicher Posen sich davon eher distanzieren zu wollen.

Natürlich kann ich diese Aussagen nicht generalisieren, dafür war die Untersuchungsgruppe zu klein und die Recherche nicht „intensiv“ genug. Was allerdings deutlich wird ist, dass, obwohl wir in einer Gesellschaft leben, in der derzeit in vielen Bereichen versucht wird, die Gleichstellung beider Geschlechter zu erreichen, selbst bei einer so „kleinen“ Sache wie der Slim-Zigarette, das Bedürfnis zum Vorschein kommt, eine Grenze entlang der Geschlechter ziehen und Unterschiede markieren zu wollen. Woher kommt das? – Das lässt sich wohl hier nicht klären.

Was festgehalten werden kann ist, dass das, was gesellschaftlich als weiblich oder männlich gilt und wo die gesellschaftlichen Normen und Regeln des binären Systems genau liegen, nicht nur kulturell unterschiedlich ist, sondern – wie die Kulturgeschichte der Zigarette gezeigt hat – sie sich ständig verändert, sich wandelt und an der einen oder anderen Stelle sich auflöst, aber offenbar immer wieder verblüffend markant zum Thema wird. Was für ein Bedürfnis spiegelt das? Ist es die Suche nach Identifikation innerhalb einer Ordnung, nach einer geschlechtsspezifischen Zugehörigkeit? Ist es eine Frage des Selbstbewusstseins, inwiefern man sich dieser Ordnung fügt?

1.) Vgl. Thomas Hengartner/Christoph Maria Merki (Hg.): Genussmittel: Ein kulturgeschichtliches Handbuch. Frankfurt/Main; New York, 1999, S. 178

2.) Vgl. Andrea Frisch: Nikotinabhängigkeit bei Frauen – Konsumverläufe und Behandlungsmöglichkeiten, Masterstudiengang Suchthilfe, KFH NW, Abt. Köln. S. 11

Online abrufbar unter: http://www.katho-nrw.de/katho-nrw/forschung-entwicklung/institute-der-katho-nrw/disup/diplom-und-masterarbeiten/masterthesen/ Zugriff: 15.09.2013

und Vgl. Hengartner 1999, S. 179

3.) Vgl. Hengartner 1999, S. 179

4.) Vgl. Frisch, S. 12

5.) Vgl. Hengartner 1999, S. 179 ff.

6.) Vgl. Frisch, S. 13

7.) Vgl. Frisch, S. 14 und Hengartner 1999, S. 180

8.) Vgl. SWRinfo: Peter Mühlfeit: Neue Tabakrichtlinie. Gruselfotos sollen Raucher stoppen. Bericht vom 21.06.2013

http://www.swr.de/swrinfo/eu-rauchen-warnhinweise-zigaretten/-/id=7612/nid=7612/did=10721540/wstwex/index.html (Zugriff: 15.09.2013)