„Je hochprozentiger desto männlicher“ oder Getränke auf der Genderbühne

Es geschah im Sommer. An einem schönen, sonnigen Nachmittag traf ich einen Freund im Biergarten um die Sonne zu genießen und Neuigkeiten auszutauschen. Aufgrund meiner Verspätung bestellte er bereits für uns die üblichen Getränke. Eine süße Weißweinschorle für ihn 207797_10200595839718063_12613303_nund ein Bier für mich – wie immer. Ich kam an, der Kellner brachte gerade die Bestellung und mit einem siegessicheren Lächeln der Gewissheit überreichte er mir die Weinschorle und meinem Begleiter das Bier. Auch wie immer, scheinbar kennt jeder Kellner weit und breit ein ungeschriebenes Gesetz, welches festlegt, dass süße Weinschorlen nur von Frauen getrunken werden. Warum ist es denn so unwahrscheinlich, dass mein männlicher Begleiter diese Weinschorle trinkt?

Ich beschließe dem Phänomen der typischen Männer- und Frauengetränke auf den Grund zu gehen und stelle mir die Frage ob es denn wirklich geschlechtsspezifische Getränkevorstellungen gibt und in wie fern diese Vorstellungen mit dem tatsächlichen Konsum übereinstimmen.

Selbst als Kellnerin tätig, nutzte ich meine Befugnisse aus, um Gäste und Gastronomen zu befragen und zu beobachten. Im Zusammenhang mit den Ergebnissen meiner Beobachtung und Umfrage, besuchte ich außerdem verschiedene Getränkeabteilungen großer und kleiner Supermärkte, um dort Ausschau nach spezifischen Männer- und Frauengetränken zu halten.

Alle zwanzig befragten Personen zwischen 21 und 68 Jahren, 20130729_201228davon zehn weiblich und zehn männlich, waren sich sofort einig: aber natürlich gibt es typische Frauen und Männergetränke. Auch wusste jeder dazu gleich unzählige Beispiele zu nennen. Es gibt also ein ungeschriebenes Getränkegesetz, wenn es doch jeder kennt?

Frauen trinken Säfte, Sekt, Hugo, süße Liköre, bunte Cocktails, Wein, Erdbeerbowle und Latte Macchiato. Typische Frauengetränke sind süß, prickelnd und klebrig. „Frauen trinken gerne Alkohol ohne ihn zu schmecken“ beschrieb ein Gastwirt das Phänomen. Bunte Mischgetränke in ausgefallenen Gläsern wie Aperol Spritz und Cocktails sind besonders frauentypisch, denn Angehörige des weiblichen Geschlechtes legten generell viel Wert auf die Optik, auch bei Getränken. Das Aussehen sei „kriegsentscheidend“, merkte einer der Befragten an. „Elegante“ Stilgläser, harmonierende Farben, Früchte, Strohhalme und Schirmchen – all das sei typisch Frau.

Bier, Wein und klarer Schnaps, schwarzer Kaffee, Wodka, Gin und Whisky werden hingegen als männliche Getränke empfunden. Getränke mit Charakteristika wie herb, stark, hart, bitter und rauchig sind männlich. Der Alkoholgehalt sei höher als bei Frauengetränken, Männer konsumieren mehr Alkohol und die Optik spiele, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Bier- Whisky und Rumgläser fallen nicht besonders auf und die Vorstellung eines dekorierten Whiskys entlockt meinem Gegenüber nur ein spöttisches Schmunzeln. Mit dem vermehrten Alkoholgenuss, auf Seiten männlicher Konsumenten, sollten meine 559790_10200595838638036_493363179_nGesprächspartner Recht behalten, wie verschiedene Statistiken belegen¹.

Ein klares Bild scheint in den Köpfen zu existieren, welches sich besonders auf alkoholhaltige Getränke bezieht. Doch wie sieht die Realität aus? Um diesem nachzugehen, befragte ich fünf Gastronomen und beobachtete während der Arbeit, mit Hilfe einer Liste, ob es geschlechterabhängiges Bestellverhalten gibt. Tatsächlich wurden typische Frauengetränke, bis auf wenige Ausnahmen, nur von Frauen bestellt. Allerdings im gleichen Maße wie Frauen Männergetränke wie Bier und stärkere Schnäpse konsumierten. Besonders das Männermonopol auf Bier scheint gebrochen. Frauen tranken fast genauso viel Bier wie Männer. Eine einzige Männerdomäne im Bierregal ist  und bleibt wohl auch vorerst das Weizenbier. Weizenbier trinkende Frauen erregen genau so viel Aufregung  wie Männer mit einer süßen Weißweinschorle. Meine Beobachtungen die Männer betreffend waren interessanterweise, bis auf wenige Ausnahmen, deckungsgleich mit den Ergebnissen der Umfrage. Männer tranken also hauptsächlich Männergetränke. „Je hochprozentiger desto männlicher“ scherzte ein Gast und traf damit genau den Ton, welcher allgemein mit männlichen Getränken mitschwingt. Schlicht, stark, rau, ohne Schnörkel. Ein Gast, welcher mit Campari Soda ein bitteres, aber dennoch buntes Mischgetränk bestellte, entfernte sofort den Strohhalm aus seinem Glas. Vermutlich unmännlich?

Eine Studie aus der Schweiz zeigt auf, dass der erste Alkoholkontakt im Leben sich bei beiden Geschlechtern relativ stark an typischen 378px-JwalkerFrauen- und Männergetränken orientiert. Bei Jungen ist es meistens Bier, während der Anteil von süßen Alkopops, Likören und Cocktails bei Mädchen wesentlich höher ist. Alkopops sind bei Jugendlichen zwischen 13 und 16 beider Geschlechter beliebt, wobei mit steigendem Alter, laut Statistik, vor allem der Bierkonsum sowie der Konsum typischer Männergetränke bei Männern deutlich zunimmt².

Um meiner Frage noch weiter auf den Grund zu gehen, begab ich mich auf Expedition in die örtlichen Supermärkte. Dabei fiel auf, dass nur typische Frauengetränke auch (teilweise) ein geschlechterspezifisches Design hatten. Sekt zum Beispiel gibt es in rosa Aufmachung, Aperol Spritz und Hugo in kleinen, bunten Flaschen mit exklusivem Design. Die Zielgruppe „Frau“ wird also bei typischen Frauengetränken auch über die Aufmachung direkt angesprochen, während andere Verpackungen keinerlei geschlechtsspezifische Merkmale tragen. Alle anderen Getränkedesigns, auch die von Männergetränken, haben bei mir einen neutralen Eindruck hinterlassen. „Frauen, kauft worauf ihr Lust habt – Männer, das in Rosa und die Cola Light mit Herzchen ist nichts für euch“, scheint die Devise.

Letztendlich konnten auch meine gastronomieerfahrenen Gesprächspartner diese Beobachtungen bestätigen. Meistens trinken Männer keine „Frauengetränke“, ohne verwirrende Blicke zu ernte20130822_144412-kdcollagen. Ein Phänomen, welches nicht nur meinen Kollegen und mir aufgefallen ist, sondern auch von Blogs und Zeitungen aufgegriffen wird³. Frauen hingegen trinken bei Bedarf einfach fröhlich an Stereotypen vorbei. Man könnte es emanzipiertes Trinkverhalten nennen. Vor allem Getränke wie Bier, Wein und Schnaps werden nicht geschlechterabhängig getrunken, vielmehr hängt es von persönlichen Vorlieben ab, bestätigen mir auch meine Gesprächspartner.

Anzumerken habe ich aber dennoch, dass ich an so manchem Abend hinter der Bar Aperol Spritz und Erdbeerbowle auch für die Herren zubereitete und auf Frauen traf, die nur dunkles Hefeweizen bestellten. Ein angeheiterter Student auf einer Kneipentour antwortete mir auf die Frage, was denn sein Lieblingsgetränk sei, strahlend, „Pina Colada“ und sein Begleiter flötete „Bananenweizen“.  Beides, den oben genannten Kriterien folgend, unmännliche, süße Frauenmischgetränke? Allerdings handelte es sich dabei wirklich eher um Ausnahmen, aber regelmäßige Ausnahmen.

Eine Studie über soziale- und kulturelle Aspekte des Trinkens kommt zu dem Schluss, dass die verschiedenen Regeln und Verbote, welch1236815_10200595838358029_2105449729_ne den Konsum von Alkohol begleiten, die generellen Werte, Vorstellungen und Gesinnungen einer Gesellschaft, widerspiegeln⁴. Nimmt also die generelle Bedeutung von geschlechtsspezifischem Verhalten, vor allem bei Frauen, tatsächlich nach dem jugendlichen Alter ab? Während Männlichkeit nach wie vor durch bestimmtes Verhalten bestärkt werden muss? Im Rahmen dieser sehr kleinen Studie sind diese Fragen nicht zu beantworten, allerdings wirft sie die Frage auf, wie sehr wir unser Verhalten an spezifischen Geschlechterrollen orientieren. Und mal ganz ehrlich, beruht denn nicht eigentlich schon die gesamte Fragestellung dieses Beitrags auf kulturspezifischen Werten, Rollen und Interpretationen?

Nachweise

¹Peter Anderson, Ben Baumberg 2006: Alcohol in Europe. A public health perspective. A Report for the European Commission. S. 82, 97-104. http://ec.europa.eu/health/ph_determinants/life_style/alcohol/documents/alcohol_europe.pdf.

²Ruedi Niederer, Kati Korn, Daniela Lussmann, Miriam Kölliker 2008: Marktstudie und Befragung junger Erwachsener zum Konsum alkoholhaltiger Mischgetränke (Alkopops). Ergebnisbericht. S. 36, S.47, S.117. http://www.alkoholpolitik.ch/archiv08/forschue/analalcp.pdf.

³Goddard, Sigrid 2012: # 38 Aperol Spritz. http://www.alleswasunmaennlichist.de/2012/05/38-aperol-spritz/.

Lohre, Matthias 2013: Die Stille nach dem Spritz. Warum eigentlich gilt Biertrinken als maskulin? Ein Kneipen-Experiment. http://www.taz.de/!108244/.

SIRC 1998: Social and Cultural Aspects of Drinking. A report to the European Commission. S. 21. http://www.sirc.org/publik/social_drinking.pdf.