Liebe Barbie, herzlich willkommen im 21. Jahrhundert!

Seit dem ich im Zuge meines Forschungsauftrages an Dich denke, gehen mir folgende Liedzeilen nicht mehr aus dem Kopf:

I'm a Barbie girl in a Barbie world  Life in plastic, it's fantastic  You can brush my hair, undress me everywhere  Imagination, life is your creation

I’m a Barbie girl in a Barbie world
Life in plastic, it’s fantastic
You can brush my hair, undress me everywhere
Imagination, life is your creation

Heute erinnere ich mich, wie alles anfing, damals als Du 1951 als Cartoon – Figur der BILD- Lilli in aller Öffentlichkeit standest. Um kurz danach als erste Verkörperung, die „einerseits sehr weiblich und aufreizend wirkte, andererseits jedoch immer die unverkennbaren Züge der Unschuld und Naivität eines Babys“1 zeigte ins Rampenlicht zu treten. Ab 1956 hieltest Du als Plastikfigur Einzug in deutsche Kinderzimmer. 1959 erschuf Dich die amerikanische Firma Mattel neu und machte Dich zum Traum aller amerikanischen kleinen Mädchen. Nun wirst Du bereits seit 1964 nur noch Barbie genannt und findest auf der ganzen Welt damit ein Zuhause.

Liebe Barbie, Du bist seit Jahrzehnten Ikone und Schönheitsideal. Du hast es gelernt deinen Körper aufreizend in Pose zu setzen, ob als Mannequin, Sing-Star oder Eiskunstläuferin, stets bist Du einen Schritt vor deiner Konkurrenz den Stoff – Puppen geblieben.

Make me walk, make me talk, do whatever you please  I can act like a star, I can beg on my knees

Make me walk, make me talk, do whatever you please
I can act like a star, I can beg on my knees

Wie gerne haben meine Freundinnen2 und ich im Alter zwischen 7 und 11 Jahren mit dir gespielt, um uns deiner Glamour- und Glitzerwelt nahe zu fühlen. Meine Freundinnen erzählen mir heute noch, dass sie Dich am liebsten an-, aus- und umgezogen haben. Natürlich spielte dabei deine Frisur eine große Rolle, die immer wieder neue Kreationen hervorbrachte. Nur als dann die Haare doch nicht nachwuchsen, konnte es passieren, dass du in der Ecke landetest.Toll fanden sie außerdem deine kleine Schwester Skipper, Ken und deine brunetten Freundinnen, die dir zwar nicht das Wasser reichen konnten, aber einen Kontrast zu dir bildeten.

 

You can touch, you can play,  if you say, I'm always yours

You can touch, you can play,
if you say, I’m always yours

Mit Ken bist Du um die halbe Welt gereist und hast dich auch mal wild knutschend mit ihm in einer Ecke des Kinderzimmers herumgedrückt. Wie hast Du uns alle damit fasziniert: mit deiner dünnen Wespentaille, den wohlgeformten Brüsten und deinem steten Lächeln. Du konntest nie traurig sein, auch wenn Ken Dich wegen einer anderen verlassen hat.

 Doch heute, im 21. Jahrhundert und knapp zwei Jahrzehnte später sehen meine Freundinnen und ich Dich mit anderen Augen. Du bist entweder in den Keller neben anderem Gerümpel gelandet oder aus dem Leben komplett verschwunden. Im Laufe der Zeit bist Du vom Spielzeug zu einem Stück Alltagskultur geworden und hältst unserer Gesellschaft den Spiegel vor.3 Doch deine Welt in rosarot erscheint uns nicht einvernehmlich mit dem Bild einer emanzipierten Frau übereinzustimmen. Du vermittelst die Stereotypisierung der Geschlechter schlecht hin und trägst mit deinen Körpermaßen nicht gerade dazu bei, dass sich Frau in ihrer Haut wohl fühlt.

Meine Freundinnen sagen Du bist:

 ein Spielzeug, das ein verheerendes Ideal vermittelt

                    Die Zuspitzung eines erdrückenden Schönheitsideals für Frauen und Mädchen

                                   Krasse Rollenbilder, krasses Schönheitsideal. Sexistisch.

                                            „frühes“ Symbol eines stereotypen, sexualisierten Frauenideals

                                                               Extrem Klischeehaft

                                                                                      Barbie to hell

(Ken) You're my doll, rock'n'roll, feel the glamour and pain Kiss me here, touch me there, hanky panky

(Ken) You’re my doll, rock’n'roll, feel the glamour and pain Kiss me here, touch me there, hanky panky

Liebe Barbie dein Körper ist die Zerstückelung in optische Sexualsymbole, mit langen Beinen und großem Brustumfang wirst du zum Kennzeichen des Pin-up-Girls, dessen Frausein einzig darin besteht, auf Weiblichkeitsstereotype reduziert zu werden.4 Trotz allem wirst Du nach wie vor von Frauen und Mädchen verehrt. Du bist eine Illusion aus Plastik, die es geschafft hat zum Kultobjekt zu werden. Meine Freundinnen stehen dem kritisch gegenüber und machen sich dabei Gedanken um die Rolle der Frau und darüber, ob Du dich in all den Jahrzehnten überhaupt weiterentwickelt hast, auch wenn du 1989 Armee-Offizier warst. Nach wie vor bietest du eine Projektionsfläche, die zwar mit der neuesten Mode geht, die sich aber dem Wandel der Frauenbilder nicht angeschlossen hat und die Konstruktion von Geschlecht stark begünstigt.

Aber meine Freundinnen wollen keine Puppen sein, die an-, aus- und umgezogen werden oder sich in der Rolle der immer gut gelaunten Frau den Bedürfnissen des Mannes unterstellt. Vielleicht erleben wir es noch, dass Du in „lila Latzhosen“ die Alltagswelt von Barbie revolutionierst? Meine Freundinnen und ich sind auf jeden Fall sehr gespannt darauf.

 

1Warnecke, Dieter. Barbie im Wandel der Jahrzehnte. Ein ausführliches Handbuch für Liebhaber und Sammler.München, Heyne 1995, S.17.

2„Meine Freundinnen“ sind im gesamten Text Interviewpartnerinnen im Alter zwischen 23-36 Jahren

3 „Barbie in Berlin. Kunst, Design und Barbie 1994. In: Vernissage. Die Zeitschrift zur Ausstellung. Nr.1/94. Heidelberg 1994,S.16.

4 40 Jahre Barbie-World.Vom deutschen Fräuleinwunder zum Kultobjekt in aller Welt. Ausstellungskatalog des Badischen Landesmuseums. Karlsruhe 1998, S.70.

Die Fotografien und die darauf abgebildeten Barbies, Ken und Skipper stammen von der Autorin selbst, die verwendeten Untertitel sind dem Songtext der Band Aqua „I´m a Barbie Girl” entnommen.