Frauensachen und Männersachen auf der Straße und das Mitnehmen der Trödelsachen

Hallo liebe Martina,

Du hast mir erzählt, dass H. der Sperrmüllkönig, ein promovierter Hydrogeologe, einst in den 90-er Jahren die Straßen von Tübingen mit dem Fahrrad durchquerte. Er soll am Anfang der Neckarhalde, in der Nähe des Restaurants „Traube” gewohn haben. Er lebte in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit seinem Freund und bewahrte da all den Trödel auf, den er jährlich zweimal aus dem Sperrmüll heraussortierte. Vor allem sammellte er allerlei Holzwaren und Fahrräder. Reparaturbedürftige Fahrradgestelle waren auch vor dem Haus zu finden, was oft zu Konflikten mit den Nachbarn führte. H. sammelte mit Vorliebe, die in der Stadt auffindbaren, defekten oder verlassenen Fahrräder, setzte sie instand und verkaufte sie dann auf dem Flohmarkt. Die Tätigkeit von H. könnten wir gemäß dem Gesetzesartikel des gültigen Kreislaufwirtschaftsgesetzes der Kategorie „Vorbereitung zur Wiederverwendung”1 zuordnen.

 H. hatte später seine Wohnung aufgegeben und kam, zusammen mit seiner Freundin T., deren Beruf Hebamme ist, in deine große Wohnung an der Neckarhalde zur Untermiete. Der aufgehäufte Sperrmüll stellte ein ständiges Problem dar. Der Erfindergeist von H. und dass er vom Markt eine große übrig gebliebene und als Abfall bestimmte Menge Gemüse und Obst nach Hause brachte,  überwältigte die Wohngemeinschaft der meist allein lebenden, arbeitenden Frauen im Haus. H. arbeitete auch auf dem Markt. Nie habt ihr so viel Marmelade gekocht! Er nahm nicht nur an den Prozessen zum Sperrmüll-Recycling in Tübingen der 90-er Jahre teil, sondern auch an der Reduzierung des Bio-Abfalls. H. bekam daraufhin für zwei Jahre eine fachspezifische Arbeitsmöglichkeit in China. Dort hatte er sich jedoch keine Wohnung gemietet, sondern ließ sich an seinem Arbeitsplatz nieder. Auf diese Weise sparte er viel Geld an und kehrte in seine Heimat zurück. In der Nähe von Tübingen, in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb, fand er die entsprechende Scheuer für die Aufbewahrung seiner Sperrmüll Sammlung, mit dazugehörigem Wirtschaftshaus und Land. Dort führt er eine autarke bäuerliche Lebensweise…

 Die Geschichte von H. dient für mich als Fallbeispiel dafür, welche Umwege eine grundlegend produktorientierte Person in der städtischen Konsumgesellschaft der vergangenen Jahrzehnte  zurücklegen musste. In der Gesellschaft des Massenkonsums erreichten die Objekte, die in der Kategorie „Abfall” angelangt sind, nach seiner Auffassung nicht die Endstation, sondern dienten als Grundstoff zu seiner Tätigkeit auf dem Gebiet „handwerkliches Recycling”2 Sein Weg führte zum ländlich-wirtschaftlichen Lebensstil, wo seine Beziehung zur Welt der Gegenstände (Austauschen, Reparieren, Abnutzen, Umnutzen) rentabel durchgesetzt werden konnte.

 James Clifford plädiert in seiner museumskundlichen Studie „Sich selbst sammeln”3 für solche ethnographische Ausstellungen. Dabei ist die geschichtliche Selbstprüfung, die Ausstellung und die Annahme der nicht westliche Gegenstände das Ziel. Dies könnte die gut umgesetzten Methoden der Anthropologen, der Künstler und ihres Publikums, in ihrer Art sich selbst und die Welt zu betrachten und zu sammeln, erschüttern. „Statt Objekte allein als kulturelle Zeichen und künstlerische Ikone zu verstehen”4, hält er die Rückkehr zum verlorenen Fetisch-Status der Gegenstände für wichtig, was zugleich auch das Erkennen unserer eigenen, privaten Fetische bedeutet. Über den musealen Rahmen hinaus kommt im Laufe des Stöberns in der Trödelware die Unerklärlichkeit, der Fetisch-Charakter und die Bedeutung des Sammeln dieser Objekte für uns, im Sinne der Stärkung unserer Identität und unseres sozialen Geschlechts, unserer intimen Beziehung zu den alltäglichen Gegenständen zum Vorschein.

 Der bedeutendere Teil der Trödelwaren im heutigen Tübingen findet schnell einen neuen Besitzer, erzählte mir eine Frau in der Naucklerstraße. Sie brachte zum Beispiel die aussortierten Kleider ihrer Schwiegermutter aus Oberboihingen nach Stuttgart, nachdem sie erfahren hatte, dass dort eine Frau eben diese Kleidungsstücke und Textilien brauchen könnte.  Die in den Altkleidersammlungs-Container gelangten Stücke, würden sowieso wiederverwertet werden. Die Betroffene hat die Kleider auch mitgenommen.

 Ich habe meine Beziehung zum Straßentrödel durch Selbstbeobachtung untersucht und als eine Frau mittleren Alters, die in einer Beziehung lebt, ein erwachsenes Kind hat, viel reist, daneben aber über ein eingerichtetes Heim verfügt und nach der Frische des Minimalstils strebt, habe ich versucht keinerlei Gegenstände an mich zu nehmen. Ich konnte in zwei Fällen nicht widerstehen. Einmal waren es ein Paar blaue English Style Keramik Teller, mit der Markeninschrift „Lunéville France” versehen, das andere Mal ein altes afrikanisches Giraffenhaar-Armband. Mit den Worten von James Clifford: „Hier ist Sammeln unausweichlich an Obsession, an Erinnerung (recollection) gebunden.”5

Martina, ich füge meinem Eintrag auch ein Paar Fotos bei, wie ich die errungenen Sachen wiederverwende. Ich möchte noch soviel hinzufügen, dass die Katzen es nicht ausstehen können, wenn sie fotografiert werden.

Liebe Grüße: Anna

 

1 § 3 Absatz 24 KrWG. In: Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen (Kreislaufwirtschaftsgesetz KrWG) vom 24. Februar 2012. http://dejure.org/gesetze/KrWG/3.html (Zugriff: 15.09.2013)

2 Hans Peter Hahn: Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin 2005. S. 43.

3 James Clifford: Sich selbst sammeln. In:Gottfried Korff/Martin Roth (Hg.): Das historische Museum. Labour, Schaubühne, Identitätsfabrik. Frankfurt a.M./New York 1990. S. 87-106.

4„Ebd., S. 103.”

5„Ebd., S. 87.”