Die „Slim-Zigarette“: eine Männerzigarette oder eine Frauenzigarette?

 

Während meines Auslandssemesters in Aserbaidschan fiel mir sofort eines auf: Auf der Straße wurde geraucht – und wie!!!

 

Solche Zigaretten werden in Aserbaischan meist geraucht.

Solche Zigaretten werden in Aserbaischan meist geraucht.

Allerdings rauchten fast ausschließlich Männer und die meisten rauchten sogenannte „Slim-Zigaretten“, die etwas länger und um einiges schmaler sind als die bei uns üblichen Zigaretten. Während meines fast fünf- monatigen Aufenthalts sah ich nur drei rauchende Frauen auf der Straße, was nicht bedeutet, dass aserbaidschanische Frauen nicht rauchen; allerdings tun sie dies meist heimlich und nur im Privaten, d.h. zuhause, in Kaffees, auf der Damentoilette oder im Aufzug. Rauchende Frauen in der Öffentlichkeit werden als sehr negativ bewertet.

Zurück in Deutschland traf ich mich mit einigen Freunden. Im Laufe des Abends holte ich eine Schachtel Zigaretten heraus, die ich in Aserbaidschan gekauft hatte, und bot sie in der Runde an. Während meine drei Freundinnen sofort zugriffen, schauten mich meine fünf männlichen Freunde amüsiert an und lehnten dankend ab. Einer meinte, „Neee ich rauch doch keine Nuttenstängel“. Ich wunderte mich, hatte ich doch in Aserbaidschan über vier Monate hinweg beobachten können, wie die große Mehrheit der rauchenden Männer genau diese Zigaretten in der Öffentlichkeit geraucht hatten, die nun, zurück in Deutschland, von Individuen des gleichen Geschlechts mit dem Begriff „Nuttenstängel“ betitelt und abgelehnt wurden.

Wie kann es sein, dass dasselbe materielle Objekt in dem einen kulturellen Kontext von Männern im Alltag verwendet wird und in einem anderen als explizit weiblich betitelt und auf Grund dessen abgelehnt wird? Vielleicht liegt es daran, dass es in Aserbaidschan kaum Sinn machen würde, unterschiedliche Designs für Frauen und Männer zu entwickeln, da Frauen offiziell nicht rauchen und, damit zusammenhängend, auch keine Zigarette – egal welche Form und Größe – mit dem Attribut „weiblich“ in Verbindung gebracht wird? Und ist es so, dass in Deutschland irgendwelche Faktoren oder bestimmte Assoziationen in Bezug auf dieses spezielle Zigarettendesign Grund dafür sind, dass diese Zigaretten für Männer eher unpassend erscheinen? Möglicherweise.

Das wirklich Interessante, das bei diesem interkulturellen Vergleich deutlich wird, scheint mir aber die Tatsache zu sein, dass in beiden Ländern das Rauchen von Zigaretten offenbar eine Sache ist, bei der „Demarkationslinien“ entlang der Geschlechter gezogen werden. In Aserbaidschan scheint eine Abgrenzung allein schon durch das Rauchen (Mann) und Nichtrauchen (Frau) gegeben, unabhängig von der Zigarettenart. In Deutschland, einem Land, in dem gegenwärtig beide Geschlechter rauchen und man eigentlich keine große Abgrenzung von „männlich“ und „weiblich“ diesbezüglich erwarten würde, scheint sie in Form von unterschiedlichen Designs doch vorhanden zu sein. Wie kommt es dazu und was für Gendercodes könnten sich dahinter verbergen?

Ich beschloss, diesem Phänomen in Form einer kleinen Studie nachzugehen. Im Internet findet man unter dem Suchbegriff „Nuttenstängel“ entweder Zigarettenverlängerungsspitzen, wie sie in den 20er Jahren populär waren, oder „Slim-Zigaretten“, die von einigen Zigarettenmarken, wie von Vogue oder Davidoff, produziert werden.

Ein Werbespruch aus den 70ern:„Eves of the world you are beautiful"1

Ein Werbespruch aus den 70ern:„Eves of the world you are beautiful”1

Bei meinen Recherchen traf ich außerdem immer wieder auf eine spezielle Zigarettenmarke mit dem Namen „Eve 120“. Diese Zigarette wurde Anfang der 70er Jahre speziell für Frauen entwickelt und im Design immer wieder an die aktuelle Mode angepasst. Mit ihrem Design versucht sie weibliche Ideale zu verkörpern. Sie ist schlank, lang und elegant. Die Werbung bezüglich dieser Zigarette versucht zu suggerieren, dass eine Frau, die eine solch schöne Zigarette raucht, selbst schön und attraktiv ist.1

Die Meinungen von Männern und Frauen im Internet bezüglich dieser speziellen Marke waren sehr kontrovers, was mir ideal für mein eigenes Experiment erschien. So schreibt zum Beispiel ein Internetblogger „wie lang darf eine zigarette sein??? so nicht. grosse finger darf man nicht haben, dann zerquetscht man diese langen dinger. viel zu dünn. […] wer raucht sowas eigentlich?? edle damen oder die ausm gewerbe. […] bloss nicht kaufen, […] . für männer völlig ungeeignet. ist nur eine für frauen.“2

Mein Interesse war geweckt. Ich kaufte mir eine Schachtel „Eve 120“und begann mit meiner kleinen Studie. In den nächsten zwei Monaten wurde die Schachtel zu meinem ständigen Begleiter. Wo und wann immer ich mich mit anderen Menschen traf und es mir angemessen erschien, bot ich die Zigaretten entweder unter den Anwesenden an oder fragte nur: „Würdet ihr die rauchen?“ Keine der 9 Raucherinnen, die ich traf, lehnte auch nur ein einziges mal ab. Oft hieß es in etwa: „Ohhh Nuttenstängel, ja gib mal her“. Viele bewunderten entweder die auf den Filter aufgedruckten Blümchen oder den extralangen Filter und kommentierten das Rauchen mit Aussagen wie: „Die sieht ja hübsch/elegant aus“, „Schmeckt schön mild“. Nur eine sagte: „Hmm, meine eigenen schmecken mir lieber“. Von den 10 Männern lehnten manche ab, manche nahmen an. Viele nahmen eine in ihren Augen feminine Pose ein und lachten dazu. Wenn ich bei den Männern, welche die Zigarette annahmen, nachfragte, was sie davon hielten, bezogen sich die Antworten meist auf den milden Geschmack; „Die schmeckt ja nach nix“. Alle 19 von mir befragten Personen (wobei sich immer wieder vorbeigehende Leute in das Gespräch einmischten) waren sich einig, dass es sich bei dem Zigarettenmodell um eine Frauenzigarette handele und auf die Frage, an was sie diese Feststellung denn festmachen würden, waren die Antworten in etwa so: „Weil sie so schmal sind, weil sie so aussehen wie die Zigaretten aus den 20ern, weil Blumen darauf sind.“

Mir fiel auf, dass, wann immer wir uns in einem „privaten Raum“ befanden, also bei jemandem zuhause, eher auch von den Männer zugegriffen wurde als an einem öffentlichen Ort. Fragte ich die Männer, warum sie denn ablehnten, hieß es meistens so etwa wie: „Hab selber Zigaretten“, „nein Danke gerade nicht“. Wollten sie nicht, weil wir uns an einem öffentlichen Ort aufhielten und sie keine „Frauenzigarette“ rauchen wollten, um keine „falschen“ Signale zu senden? Ein Mann, den ich genau zu diesem Phänomen befragte, gab mir zur Antwort: „Das hängt mit dem Drang des Mannes zusammen, sich in der Öffentlichkeit als männlich zu präsentieren“.

Ist es oft etwa so, dass, wenn Männer etwas Weibliches tun, es ihrer Meinung nach ihrem Ansehen schadet? Wie ist das bei Frauen, die etwas Männliches tun? Und was ist denn, bitteschön, explizit männlich und was weiblich?

Auf der Basis meiner kleinen Studie könnte man vielleicht meinen, dass zumindest das alles weiblich ist, was Grazie, Eleganz, eine schlanke Figur und Geschmack suggerieren. Aber nein – so verlockend das doch wäre, so einfach lässt sich das nicht generalisieren. Bevor ich jetzt allen Männern den Anspruch auf Geschmack und Eleganz abspreche, beende ich an dieser Stelle diesen Beitrag und widme mich in meinem zweiten Beitrag dem Thema „Nuttenstängel“ mit einer kulturhistorischen Herangehensweise.

 

1.) Vgl. Homepage Stanford. School of medicine. Tobacco Advertising Theme women´s Ciggarettes eve http://tobacco.stanford.edu/tobacco_main/images.php?token2=fm_st037.php&token1=fm_img0978.php&theme_file=fm_mt013.php&theme_name=Women%27s%20Cigarettes&subtheme_name=Eve

und Cigarre 24.de: http://www.cigarre24.de/zigaretten/zigaretten4/eve120.php                                               Abruf:15.09.2013

2.) Vgl. http://www.dooyoo.de/zigaretten/eve-120/253064/      Abruf:15.09.2013