Herrentorte 2: “Männer essen Herrenschokolade”

Herrenschokolade Herrenschilder Blog2

Prägnant und gleichzeitig namensweisend für die Herrentorte ist die Kuvertüre aus Bitterschokolade, die seit dem Ende des 19. Jahrhundert auch als Herrenschokolade vermarktet wird. Nachdem der Genuss von Schokolade im 17. Jahrhundert nur dem Adel vorbehalten war und dort als Getränk für Erwachsene beiderlei Geschlechts galt, setzte sie sich im 19. Jahrhundert im Bürgertum durch und erfuhr zugleich eine Neubewertung: „[…] die bisher alters-spezifische Zuordnung des Produkts […] wurde nun von einer geschlechtsspezifischen Zuordnung abgelöst“[1]. Schokolade und Kakao zählen im 19. Jahrhundert daher nicht zu den „erwachsenen“ (d.h. männlichen!) Lebensmitteln wie Kaffee und Tabak, sichtbar wird dies auf zeitgenössischen Werbeplakaten, auf denen nur Frauen und Kinder für Schokolade warben.[2] Der Genuss von Schokolade galt schlichtweg als unmännlich.

„Militärchocolade“[3] – Schokolade als militärische Notration

Die zunehmende Konkurrenz unter den Schokoladenfabriken verlangte nach neuen Absatzmärkten – die Männer sollten als Konsumentengruppe hinzugewonnen werden. Aufgrund des hohen Nährwerts und der guten Transportfähigkeit erschien Schokolade als idealer Notproviant für das Militär, einem klassisch männlich definierten Raum. Das bürgerliche Bild von Männlichkeit war geprägt von Stärke, Ausdauer und außergewöhnlichen Leistungen. So wurde das Sozialprestige von Forschern und Entdeckern zur Gewinnung der männlichen Konsumentengruppe gezielt in der Werbung eingesetzt. Der Südpol-Entdecker Amundsen warb ebenso für Schokolade wie der Polarforscher Nansen[4]. 1903 patentierte die große deutsche Schokoladenfabrik Stollwerck eine Bitterschokolade unter dem Namen „Schwarze Herrenschokolade“[5], ein Label, das bis heute erhältlich ist. Mit einer leichten Veränderung der Materialität (Kakaoanteil von mindestens 60%), einer völlig neuen Zuschreibung und Vermarktungsstrategie hat das Produkt Schokolade einen Wandel in der geschlechtsspezifischen Zuordnung erfahren. Die logische Fortschreibung erfährt dies mit der Erfindung der Herrentorte im Jahr 1932. Das Rezept wird dem Konditormeister Hermann Heinemann[6] aus Mönchengladbach zugeschrieben, die Torte mit dem Überzug aus Bitterschokolade avancierte in den folgenden Jahrzehnten zum Klassiker des deutschen Konditorhandwerks.

Ein Klassiker verschwindet?

Heute ist die Herrentorte eher selten im Sortiment der ohnehin immer rarer werdenden traditionellen Cafés zu finden. Für die einen steht die Herrentorte nach wie vor für die Tradition des Konditorhandwerks, für andere wiederum wirkt die Torte reichlich antiquiert. So hält ein Reutlinger Konditormeister die Bezeichnung Herrentorte „abschreckend für die weibliche Kundschaft“ und hat zwar nicht die Torte, sondern nur ihren „unpassend und altmodisch“ wirkenden Namen aus dem Angebot genommen – er bietet das Traditionsrezept fast unverändert, dafür quasi gentrifiziert als Prinzregententorte an. Ungebrochen dagegen ist der Zuspruch zur Herrentorte in einem traditionsreichen Café in Bad Urach. Die Konditorin bestätigt reges Interesse gleichermaßen bei Männern und Frauen und erklärt sich dies durch die lokal-spezifische Konsumentengruppe – es handelt sich bei ihren Kunden fast ausschließlich um Kurgäste der älteren Generation.

Herrenschilder rund Blog2

Im Zuge des zunehmenden Gesundheitsbewusstseins in der Bevölkerung haben sich auch die Geschmacksvorlieben verändert, der langfristige Trend scheint zu fruchtigen Kuchen und Torten zu gehen. Für die einen ist und bleibt die Herrentorte ein Klassiker, für andere ist sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

[1]Rossfeld, Roman: Vom Frauengetränk zur militärischen Notration. Der Konsum von Schokolade aus geschlechtsgeschichtlicher Perspektive. http://www.bezg.ch/img/publikation/01_1/rossfeld.pdf (hier S. 57).(Zugriff:05.09.2013).

[2] Vgl. Ebd. S. 58

[3] Vgl. Ebd. S. 59

[4] Vgl. Ebd. S. 63

[5] Stollwerck GmbH (2013). Schwarze Herrenschokolade.http://www.stollwerck.de/frameset/index1.php?content=../markenwelt/markenwelt&navi=markenwelt  (Zugriff: 05.09.2013).

[6] Germany at its best. Weltbeste Champagne-Trüffel.

  http://www.germanyatitsbest.de/de/best_performances/categories/?c=3&d=7 (Zugriff: 10.09.2013).