Kategorie-Archiv: Feldforschung

Frauensachen und Männersachen auf der Straße und das Mitnehmen der Trödelsachen

Hallo liebe Martina,

Du hast mir erzählt, dass H. der Sperrmüllkönig, ein promovierter Hydrogeologe, einst in den 90-er Jahren die Straßen von Tübingen mit dem Fahrrad durchquerte. Er soll am Anfang der Neckarhalde, in der Nähe des Restaurants „Traube” gewohn haben. Er lebte in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit seinem Freund und bewahrte da all den Trödel auf, den er jährlich zweimal aus dem Sperrmüll heraussortierte. Vor allem sammellte er allerlei Holzwaren und Fahrräder. Reparaturbedürftige Fahrradgestelle waren auch vor dem Haus zu finden, was oft zu Konflikten mit den Nachbarn führte. H. sammelte mit Vorliebe, die in der Stadt auffindbaren, defekten oder verlassenen Fahrräder, setzte sie instand und verkaufte sie dann auf dem Flohmarkt. Die Tätigkeit von H. könnten wir gemäß dem Gesetzesartikel des gültigen Kreislaufwirtschaftsgesetzes der Kategorie „Vorbereitung zur Wiederverwendung”1 zuordnen.

 H. hatte später seine Wohnung aufgegeben und kam, zusammen mit seiner Freundin T., deren Beruf Hebamme ist, in deine große Wohnung an der Neckarhalde zur Untermiete. Der aufgehäufte Sperrmüll stellte ein ständiges Problem dar. Der Erfindergeist von H. und dass er vom Markt eine große übrig gebliebene und als Abfall bestimmte Menge Gemüse und Obst nach Hause brachte,  überwältigte die Wohngemeinschaft der meist allein lebenden, arbeitenden Frauen im Haus. H. arbeitete auch auf dem Markt. Nie habt ihr so viel Marmelade gekocht! Er nahm nicht nur an den Prozessen zum Sperrmüll-Recycling in Tübingen der 90-er Jahre teil, sondern auch an der Reduzierung des Bio-Abfalls. H. bekam daraufhin für zwei Jahre eine fachspezifische Arbeitsmöglichkeit in China. Dort hatte er sich jedoch keine Wohnung gemietet, sondern ließ sich an seinem Arbeitsplatz nieder. Auf diese Weise sparte er viel Geld an und kehrte in seine Heimat zurück. In der Nähe von Tübingen, in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb, fand er die entsprechende Scheuer für die Aufbewahrung seiner Sperrmüll Sammlung, mit dazugehörigem Wirtschaftshaus und Land. Dort führt er eine autarke bäuerliche Lebensweise…

 Die Geschichte von H. dient für mich als Fallbeispiel dafür, welche Umwege eine grundlegend produktorientierte Person in der städtischen Konsumgesellschaft der vergangenen Jahrzehnte  zurücklegen musste. In der Gesellschaft des Massenkonsums erreichten die Objekte, die in der Kategorie „Abfall” angelangt sind, nach seiner Auffassung nicht die Endstation, sondern dienten als Grundstoff zu seiner Tätigkeit auf dem Gebiet „handwerkliches Recycling”2 Sein Weg führte zum ländlich-wirtschaftlichen Lebensstil, wo seine Beziehung zur Welt der Gegenstände (Austauschen, Reparieren, Abnutzen, Umnutzen) rentabel durchgesetzt werden konnte.

 James Clifford plädiert in seiner museumskundlichen Studie „Sich selbst sammeln”3 für solche ethnographische Ausstellungen. Dabei ist die geschichtliche Selbstprüfung, die Ausstellung und die Annahme der nicht westliche Gegenstände das Ziel. Dies könnte die gut umgesetzten Methoden der Anthropologen, der Künstler und ihres Publikums, in ihrer Art sich selbst und die Welt zu betrachten und zu sammeln, erschüttern. „Statt Objekte allein als kulturelle Zeichen und künstlerische Ikone zu verstehen”4, hält er die Rückkehr zum verlorenen Fetisch-Status der Gegenstände für wichtig, was zugleich auch das Erkennen unserer eigenen, privaten Fetische bedeutet. Über den musealen Rahmen hinaus kommt im Laufe des Stöberns in der Trödelware die Unerklärlichkeit, der Fetisch-Charakter und die Bedeutung des Sammeln dieser Objekte für uns, im Sinne der Stärkung unserer Identität und unseres sozialen Geschlechts, unserer intimen Beziehung zu den alltäglichen Gegenständen zum Vorschein.

 Der bedeutendere Teil der Trödelwaren im heutigen Tübingen findet schnell einen neuen Besitzer, erzählte mir eine Frau in der Naucklerstraße. Sie brachte zum Beispiel die aussortierten Kleider ihrer Schwiegermutter aus Oberboihingen nach Stuttgart, nachdem sie erfahren hatte, dass dort eine Frau eben diese Kleidungsstücke und Textilien brauchen könnte.  Die in den Altkleidersammlungs-Container gelangten Stücke, würden sowieso wiederverwertet werden. Die Betroffene hat die Kleider auch mitgenommen.

 Ich habe meine Beziehung zum Straßentrödel durch Selbstbeobachtung untersucht und als eine Frau mittleren Alters, die in einer Beziehung lebt, ein erwachsenes Kind hat, viel reist, daneben aber über ein eingerichtetes Heim verfügt und nach der Frische des Minimalstils strebt, habe ich versucht keinerlei Gegenstände an mich zu nehmen. Ich konnte in zwei Fällen nicht widerstehen. Einmal waren es ein Paar blaue English Style Keramik Teller, mit der Markeninschrift „Lunéville France” versehen, das andere Mal ein altes afrikanisches Giraffenhaar-Armband. Mit den Worten von James Clifford: „Hier ist Sammeln unausweichlich an Obsession, an Erinnerung (recollection) gebunden.”5

Martina, ich füge meinem Eintrag auch ein Paar Fotos bei, wie ich die errungenen Sachen wiederverwende. Ich möchte noch soviel hinzufügen, dass die Katzen es nicht ausstehen können, wenn sie fotografiert werden.

Liebe Grüße: Anna

 

1 § 3 Absatz 24 KrWG. In: Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen (Kreislaufwirtschaftsgesetz KrWG) vom 24. Februar 2012. http://dejure.org/gesetze/KrWG/3.html (Zugriff: 15.09.2013)

2 Hans Peter Hahn: Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin 2005. S. 43.

3 James Clifford: Sich selbst sammeln. In:Gottfried Korff/Martin Roth (Hg.): Das historische Museum. Labour, Schaubühne, Identitätsfabrik. Frankfurt a.M./New York 1990. S. 87-106.

4„Ebd., S. 103.”

5„Ebd., S. 87.”

Das Jutebeutel-Phänomen

Der Jutebeutel – sowohl Gebrauchsgegenstand als auch modisches Accessoire, hat sich in den letzten Jahren in der Gesellschaft (re-)etabliert. Einst galt er als angestaubtes Öko-Produkt, das unmittelbar mit dem Nachhaltigkeitsaspekt verbunden war, und von Menschen getragen wurde, die von einem immensen Umweltbewusstsein geprägt waren.  Von Supermarktketten angeboten, um Einkäufe sicher zu transportieren und von Müttern wiederverwendet, um die Sportsachen Ihrer Kinder zu verstauen, was Ihnen nicht selten peinlich war, besaß er doch damals noch kein trendy Image.

Wurde man früher in der Umkleidekabine einer Grundschule für einen Stoffbeutel verspottet, gehört man inzwischen als Besitzer eines Jutebeutels einer hippen Generation an. Ursprünglich schlicht und praxisorientiert, kann man ihn heute in unzähligen Designs, Aufschriften und Mustern erwerben. Dabei wird diesen teilweise große Bedeutung beigemessen; ein Statement, dass den Mitmenschen präsentiert wird. Inzwischen ist der Jutebeutel auch das Symbol der Hipsterkultur: umweltbewusst, abgrenzend, ausgefallen.  Je individueller desto besser.

Wir wollten natürlich wissen, ob sich in diesem ganzen Hype rund um diese Stofftasche, eine geschlechterspezifische Teilung erkennen lässt. Trägt Frau mehr Jutebeutel und wenn ja aus welchem Anlass? Legen Männer mehr Wert auf die auszusendende Botschaft? Wir haben nachgefragt…                                                                                                                                             In einer Umfrage, die ausgewogen Männer und Frauen berücksichtigt, haben wir neue Erkenntnisse gewonnen. Von zehn Befragten im Alter von 18-30 Jahren gaben nur zwei Männer an sie hätten keinen Jutebeutel im Gebrauch. Gründe für die Nutzung waren immer ähnlich, bei beiden Geschlechtern. Er sei „praktisch“, man könne „ alles hineinwerfen“. Zudem war der angesagte Aspekt auch ein wichtiges Kriterium; die Tatsache damit hip zu wirken, war ebenfalls ein Aspekt, der die Verwendung des Jutebeutels bei beiden Geschlechtern förderte. Unsere voreingenommene Vermutung, Frauen würden sich mehr Gedanken bei der Auswahl ihres Beutels im Hinblick auf das Motiv machen, wurde widerlegt. Unseren männlichen Befragten war es genauso wichtig, welches Design ihre Tasche trägt.

Männer gaben auch an, der Jutebeutel sei gerade für Sie eine Möglichkeit Accessoires zu tragen, da Ihre „Auswahl bei Taschen beschränkt sei“.

Alles in allem lässt sich sagen, der Jutebeutel ist nicht mehr von Deutschlands Straßen wegzudenken, dabei lassen sich kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen. Ob als Ausdruck des Hipster-Daseins oder als ökologisch wertvoller und trendiger Alltagsbegleiter- der Jutebeutel ist DAS Unisex-Accessoire schlechthin.

Die „Slim-Zigarette“: eine Männerzigarette oder eine Frauenzigarette?

 

Während meines Auslandssemesters in Aserbaidschan fiel mir sofort eines auf: Auf der Straße wurde geraucht – und wie!!!

 

Solche Zigaretten werden in Aserbaischan meist geraucht.

Solche Zigaretten werden in Aserbaischan meist geraucht.

Allerdings rauchten fast ausschließlich Männer und die meisten rauchten sogenannte „Slim-Zigaretten“, die etwas länger und um einiges schmaler sind als die bei uns üblichen Zigaretten. Während meines fast fünf- monatigen Aufenthalts sah ich nur drei rauchende Frauen auf der Straße, was nicht bedeutet, dass aserbaidschanische Frauen nicht rauchen; allerdings tun sie dies meist heimlich und nur im Privaten, d.h. zuhause, in Kaffees, auf der Damentoilette oder im Aufzug. Rauchende Frauen in der Öffentlichkeit werden als sehr negativ bewertet.

Zurück in Deutschland traf ich mich mit einigen Freunden. Im Laufe des Abends holte ich eine Schachtel Zigaretten heraus, die ich in Aserbaidschan gekauft hatte, und bot sie in der Runde an. Während meine drei Freundinnen sofort zugriffen, schauten mich meine fünf männlichen Freunde amüsiert an und lehnten dankend ab. Einer meinte, „Neee ich rauch doch keine Nuttenstängel“. Ich wunderte mich, hatte ich doch in Aserbaidschan über vier Monate hinweg beobachten können, wie die große Mehrheit der rauchenden Männer genau diese Zigaretten in der Öffentlichkeit geraucht hatten, die nun, zurück in Deutschland, von Individuen des gleichen Geschlechts mit dem Begriff „Nuttenstängel“ betitelt und abgelehnt wurden.

Wie kann es sein, dass dasselbe materielle Objekt in dem einen kulturellen Kontext von Männern im Alltag verwendet wird und in einem anderen als explizit weiblich betitelt und auf Grund dessen abgelehnt wird? Vielleicht liegt es daran, dass es in Aserbaidschan kaum Sinn machen würde, unterschiedliche Designs für Frauen und Männer zu entwickeln, da Frauen offiziell nicht rauchen und, damit zusammenhängend, auch keine Zigarette – egal welche Form und Größe – mit dem Attribut „weiblich“ in Verbindung gebracht wird? Und ist es so, dass in Deutschland irgendwelche Faktoren oder bestimmte Assoziationen in Bezug auf dieses spezielle Zigarettendesign Grund dafür sind, dass diese Zigaretten für Männer eher unpassend erscheinen? Möglicherweise.

Das wirklich Interessante, das bei diesem interkulturellen Vergleich deutlich wird, scheint mir aber die Tatsache zu sein, dass in beiden Ländern das Rauchen von Zigaretten offenbar eine Sache ist, bei der „Demarkationslinien“ entlang der Geschlechter gezogen werden. In Aserbaidschan scheint eine Abgrenzung allein schon durch das Rauchen (Mann) und Nichtrauchen (Frau) gegeben, unabhängig von der Zigarettenart. In Deutschland, einem Land, in dem gegenwärtig beide Geschlechter rauchen und man eigentlich keine große Abgrenzung von „männlich“ und „weiblich“ diesbezüglich erwarten würde, scheint sie in Form von unterschiedlichen Designs doch vorhanden zu sein. Wie kommt es dazu und was für Gendercodes könnten sich dahinter verbergen?

Ich beschloss, diesem Phänomen in Form einer kleinen Studie nachzugehen. Im Internet findet man unter dem Suchbegriff „Nuttenstängel“ entweder Zigarettenverlängerungsspitzen, wie sie in den 20er Jahren populär waren, oder „Slim-Zigaretten“, die von einigen Zigarettenmarken, wie von Vogue oder Davidoff, produziert werden.

Ein Werbespruch aus den 70ern:„Eves of the world you are beautiful"1

Ein Werbespruch aus den 70ern:„Eves of the world you are beautiful”1

Bei meinen Recherchen traf ich außerdem immer wieder auf eine spezielle Zigarettenmarke mit dem Namen „Eve 120“. Diese Zigarette wurde Anfang der 70er Jahre speziell für Frauen entwickelt und im Design immer wieder an die aktuelle Mode angepasst. Mit ihrem Design versucht sie weibliche Ideale zu verkörpern. Sie ist schlank, lang und elegant. Die Werbung bezüglich dieser Zigarette versucht zu suggerieren, dass eine Frau, die eine solch schöne Zigarette raucht, selbst schön und attraktiv ist.1

Die Meinungen von Männern und Frauen im Internet bezüglich dieser speziellen Marke waren sehr kontrovers, was mir ideal für mein eigenes Experiment erschien. So schreibt zum Beispiel ein Internetblogger „wie lang darf eine zigarette sein??? so nicht. grosse finger darf man nicht haben, dann zerquetscht man diese langen dinger. viel zu dünn. […] wer raucht sowas eigentlich?? edle damen oder die ausm gewerbe. […] bloss nicht kaufen, […] . für männer völlig ungeeignet. ist nur eine für frauen.“2

Mein Interesse war geweckt. Ich kaufte mir eine Schachtel „Eve 120“und begann mit meiner kleinen Studie. In den nächsten zwei Monaten wurde die Schachtel zu meinem ständigen Begleiter. Wo und wann immer ich mich mit anderen Menschen traf und es mir angemessen erschien, bot ich die Zigaretten entweder unter den Anwesenden an oder fragte nur: „Würdet ihr die rauchen?“ Keine der 9 Raucherinnen, die ich traf, lehnte auch nur ein einziges mal ab. Oft hieß es in etwa: „Ohhh Nuttenstängel, ja gib mal her“. Viele bewunderten entweder die auf den Filter aufgedruckten Blümchen oder den extralangen Filter und kommentierten das Rauchen mit Aussagen wie: „Die sieht ja hübsch/elegant aus“, „Schmeckt schön mild“. Nur eine sagte: „Hmm, meine eigenen schmecken mir lieber“. Von den 10 Männern lehnten manche ab, manche nahmen an. Viele nahmen eine in ihren Augen feminine Pose ein und lachten dazu. Wenn ich bei den Männern, welche die Zigarette annahmen, nachfragte, was sie davon hielten, bezogen sich die Antworten meist auf den milden Geschmack; „Die schmeckt ja nach nix“. Alle 19 von mir befragten Personen (wobei sich immer wieder vorbeigehende Leute in das Gespräch einmischten) waren sich einig, dass es sich bei dem Zigarettenmodell um eine Frauenzigarette handele und auf die Frage, an was sie diese Feststellung denn festmachen würden, waren die Antworten in etwa so: „Weil sie so schmal sind, weil sie so aussehen wie die Zigaretten aus den 20ern, weil Blumen darauf sind.“

Mir fiel auf, dass, wann immer wir uns in einem „privaten Raum“ befanden, also bei jemandem zuhause, eher auch von den Männer zugegriffen wurde als an einem öffentlichen Ort. Fragte ich die Männer, warum sie denn ablehnten, hieß es meistens so etwa wie: „Hab selber Zigaretten“, „nein Danke gerade nicht“. Wollten sie nicht, weil wir uns an einem öffentlichen Ort aufhielten und sie keine „Frauenzigarette“ rauchen wollten, um keine „falschen“ Signale zu senden? Ein Mann, den ich genau zu diesem Phänomen befragte, gab mir zur Antwort: „Das hängt mit dem Drang des Mannes zusammen, sich in der Öffentlichkeit als männlich zu präsentieren“.

Ist es oft etwa so, dass, wenn Männer etwas Weibliches tun, es ihrer Meinung nach ihrem Ansehen schadet? Wie ist das bei Frauen, die etwas Männliches tun? Und was ist denn, bitteschön, explizit männlich und was weiblich?

Auf der Basis meiner kleinen Studie könnte man vielleicht meinen, dass zumindest das alles weiblich ist, was Grazie, Eleganz, eine schlanke Figur und Geschmack suggerieren. Aber nein – so verlockend das doch wäre, so einfach lässt sich das nicht generalisieren. Bevor ich jetzt allen Männern den Anspruch auf Geschmack und Eleganz abspreche, beende ich an dieser Stelle diesen Beitrag und widme mich in meinem zweiten Beitrag dem Thema „Nuttenstängel“ mit einer kulturhistorischen Herangehensweise.

 

1.) Vgl. Homepage Stanford. School of medicine. Tobacco Advertising Theme women´s Ciggarettes eve http://tobacco.stanford.edu/tobacco_main/images.php?token2=fm_st037.php&token1=fm_img0978.php&theme_file=fm_mt013.php&theme_name=Women%27s%20Cigarettes&subtheme_name=Eve

und Cigarre 24.de: http://www.cigarre24.de/zigaretten/zigaretten4/eve120.php                                               Abruf:15.09.2013

2.) Vgl. http://www.dooyoo.de/zigaretten/eve-120/253064/      Abruf:15.09.2013

Bowling balls. Der homoerotische Kampf gegen die phallische Übermacht der Pins.

 Bowling balls 1

Mithilfe der dichten Beschreibung nach Clifford Geertz1 versuchen wir, einen kleinen Einblick in die materielle Welt des Bowlingsports zu geben.

Wir haben uns dazu zu zwei Feldforschungen in die Bowlingwelt des am Tübinger Neckarufer gelegenen „Riverside“2 begeben. Zu unseren Vorannahmen gehörte die Erwartung eines bierschwangeren Vereinshausambientes. Dementsprechend bereiteten wir uns darauf vor, auch unseren Spaß- von unserem Alkoholpegel abhängig zu machen. Wir erwiesen uns damit als dilettantisches Bowlingpublikum.

Bowling balls 5

Was wir nämlich beobachteten, waren die zahlenmäßig dominierenden Gruppen vorrangig nicht ganz junger Männer*3 – die dort nicht wie viele der jüngeren Besucher_innen Erholung und Ausgleich in den angebotenen Getränken suchten (das „Riverside“ ist gleichzeitig ein Gastronomiebetrieb):

Angetrieben von Männern* mittleren Alters rasen Bowlingbälle in der hell erleuchteten Halle ihren Zielen entgegen. 10 Pins, die am Ende einer langen Geraden am Eingang einer Höhle aufragen und die es niederzuwerfen gilt. Mit perfekt einstudierter Technik folgt Wurf auf Wurf, Strike auf Strike. Mit individuellem Equipment pflegen sie Ablenkung durch Konzentration. Es geht um die 300, die Punktzahl die einen für diesen Abend zum Gott der Bowlinghalle macht und die für immer als Moment an der Fotowand im Foyer erhalten bleiben wird.

Nach längerer Betrachtung erstaunen wir. Was sich uns in ersten verstohlenen Blicken als das Spiel ambitionierter Gruppen dargestellt hatte, erweist sic­h eher als das einander begleitende Spiel ehrgeiziger Einzelpersonen auf eigenen Bahnen, die Erfolge unauffällig aber zustimmend durch Handschlag anerkennen. Die wahre Belohnung der verspielten Konzentration erfolgt aber in Form vollendet veredelter Spitzenwürfe. Doch weil niemand das perfekte Spiel schafft an diesem Mittwochabend, verstauen sie einhellig eigene Bowlingbälle, Poliertücher, spezielle Bowlingschuhe und Handgelenkstützen in Rollköfferchen von jener Marke, von der auch Bahnen und Anlagen des „Riverside“ sind: Brunswick.

 Bowling balls 4

Ganz anders erleben wir die Halle am späten Samstagabend. Schummriges Schwarzlicht schimmert auf Wänden und Bahnen, auf den Schanktischen schwappt der Schaum über die Gläser, der neuste Schlager von Schäfer Heinrich schallt laut aus den Boxen und hallt in unseren Schädeln nach. In dieser stickigen Atmosphäre ist nur wenig zu spüren von Professionalität, denn es ist „Moonlight-Bowling“ angesagt. Leider ist die Halle nur mäßig gefüllt, sodass die „Schnapsrunden“- Ansagen des Djs, des einzigen männlichen* Angestellten dieses Abends, kaum Anklang finden. Außer uns haben sich nur noch zwei andere Gruppen ins „Riverside“ verirrt. Keine_r dieser Freizeitbowler_innen trägt Handschuhe und niemand poliert seinen eigens mitgebrachten Bowlingball. Doch auch hier scheint professionelles Spiel vor allem für die männlichen* Besucher zu zählen, die, getrennt von ihren Begleiterinnen*, auf einer eigenen Bahn spielen und zumindest den Versuch wagen, sportlich zu wirken und bei zufriedenstellendem Erfolg die Arme hochreißen und sich begeistert abklatschen, während der Rest der Gruppe ihren Erfolg nicht mehr an den übermannten Pins, sondern an den vernichteten Biermaß festmacht.

 Bowling balls 2

Insgesamt ließen sich verschiedene Anklänge homoerotischen Verhaltens beobachten. Zum einen bei den auf höherem Niveau spielenden Athleten*, die den direkten Kampf gegen die Pins aufnahmen und sich durch subtile Berührungen zum Erfolg gratulierten. Ebenso unterschwellig wie ernsthaft war auch der Umgang mit ihren Utensilien. Bälle wurden behutsam poliert und nicht aus den Händen gegeben, was allerdings auch auf heterosexuelles Konkurrenzdenken deuten könnte.

Demgegenüber standen die Freizeitbowler_innen, die den ausbleibenden Erfolg im Kampf gegen die Pins humoristisch aufzufangen versuchten. Dabei wechselte die Selbstdarstellung von ernsthaft und bemüht zu affektiertem Herumtänzeln. Dazu wurde durch nicht geringen Alkoholgenuss die Hemmschwelle gesenkt.

Bezugnehmend auf Geertz haben wir gezeigt, dass Dinge einen Einfluss auf das Verhalten haben, weil sie in einem semiotischen Bedeutungsgewebe eingebettet sind und sozial verträgliche Handlungsrahmen setzen.4 Kann dieser aber nicht eingehalten werden, konnten als Kompensationsmechanismus eine Delegitimierung durch Lächerlichmachen und gleichzeitiges Senken der eigenen Hemmschwelle beobachtet werden.

1Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/Main 41995.

2Internetauftritt: URL: http://www.riverside-bowling.de/ (12.09.2013).

3Da wir die Person nicht nach ihrer Geschlechtsidentität befragt haben, handelt es sich nur um Personen, die wir aufgrund äußerlicher Merkmale als männlich im zweigeschlechtlichen System gelesen haben. Der Stern am Ende des Wortes soll dies verdeutlichen. In diesem Text wird im Folgenden statt des generischen Maskulinums der Unterstrich im Sinne des Gender Gap verwendet. Damit wird eine Form gewählt, die sprachlich alle Geschlechter bzw. Geschlechtsidentitäten abbilden soll, auch jene, die durch zweigeschlechtliche Sprache (bspw. Besucher, BesucherInnen) sonst nicht erfasst werden können. Hinweise zum geschlechtergerechten Formulieren finden sich auf der Homepage des Grazer Instituts für theoretische und angewandte Translationswissenschaft. URL: www.uni-graz.at/uedo1www_files_geschlechtergerechtes_formulieren-5.pdf (07.09.2013).

4Vgl. Geertz, Beschreibung, S. 17.

Sehen und gesehen werden

Wie viel Wert legen Männer und Frauen auf ihr Erscheinungsbild?

Dieser Frage sind wir nachgegangen. Dafür haben wir ein Fragebogen erstellt, um Männer und Frauen, Studenten sowie Berufstätige zu befragen, wie viel Geld sie für Klamotten und Kosmetik ausgeben, ob sie gewisse Prioritäten setzen, was ihnen wichtiger ist und wie wichtig ihnen allgemein ihr Aussehen ist. Dabei sind wir auf interessante Ergebnisse gestoßen, nicht nur, dass den Befragten offensichtlich zum ersten Mal bewusst geworden ist, wie viel Geld sie wirklich für Klamotten und Kosmetik ausgeben, sondern auch dass es große Unterschiede nicht nur zwischen Mann und Frau sondern auch zwischen StudentInnen und Berufstätigen gibt. Unter unseren Befragten waren zwei frisch gewordene Mütter, welche auffällig wenig Geld für ihr Äußeres aufwenden. Ihre Angabe keinen Cent für Kosmetik oder Klamotten auszugeben, war zwar ein bisschen unwahrscheinlich, hing aber vielleicht mit der Situation zusammen.

Ebenso kam heraus, dass Männer bezüglich ihrer Finanzen eher bedacht umgehen und vorausschauend sparen, mit Rücksicht auf ihr finanzielles Budget. Im Hinblick auf den Unterschied berufstätig oder Student, haben wir herausgefunden, dass die Mehrheit der befragten berufstätigen Männern sehr viel Wert auf ihr Äußeres legen und nicht nur mehr Geld für Kosmetik sondern auch eher mal für Markenklamotten ausgeben. Wohingegen die männlichen Studenten „normal“ Wert auf ihr Äußeres legen, im Sinne von „Casual Style“ im Studium, sich jedoch auch schicker kleiden für bestimmte Anlässe.

Einen “großen Schock” erlitten wir bei den befragten berufstätigen Frauen, die im Schnitt gleich viel, wenn nicht sogar weniger Geld für ihr Äußeres ausgeben als die befragten Studentinnen. Bei den Studentinnen fanden wir heraus, dass sie für besondere Dinge,  zum Beispiel öfters genannt: das Brautkleid, auf andere Dinge verzichten würden, während Männer eher darauf sparen, um auf nichts verzichten zu müssen. Jedoch hat unsere Forschung sehr stark gezeigt, dass der Mensch, egal ob Student oder Berufstätiger, Mann oder Frau am meisten Geld für Essen ausgibt.

Während unserer Auswertung der Umfragen kam uns die Frage auf wieso legen Frauen mehr Wert auf ihr Äußeres und das schon früher als Männer und warum würden sie für ein Outfit eine Woche lang hungern, wenn es sein muss? Dabei haben wir uns mit dem historischen Hintergrund des Materialismus auseinandergesetzt. Einer der wichtigsten Merkmale des Materialismus ist die Konsumgesellschaft, die wiederum ein gewisses Statussymbol zum Ausdruck bringt. Dieser Drang zum Konsumieren scheint bei Frauen mehr ausgeprägt als bei Männern, was einen Hinweis darauf liefert, weshalb Frauen mehr und öfter Klamotten kaufen. Wohingegen Männer beim Einkaufen “praktisch” denken und einen Anzug bei mehreren Anlässen tragen können, Frauen aber jedes Mal ein neues Kleid benötigen. Da bei Frauen der Aspekt „sehen und gesehen werden“ eine viel größere Rolle spielt als bei Männern.

Pink Elephants… It’s a man’s world!

Spendiert man eine Runde Zigaretten in einer befreundeten Männergruppe, sollte man nichts Ungewöhnliches erwarten, außer die eventuelle Überraschung in den Gesichtern, da dem befreundeten Männerensemble der Status als Studentin und die damit einhergehenden einkommensschwachen Charakterzüge durchaus bekannt sind.

Handelt es sich bei diesen Zigaretten aber um eine Spezies mit weiblich-assoziierter Kriegsbemalung in Pink und Parfum-ähnlichem Vanille-Geschmack, erwartet Frau doch etwas mehr von ihren Mitmenschen. So bin ich in vor-euphorischer Stimmung mit meinem pinken Raucher-Utensil zu besagtem Treffen gegangen. Im Kopf bereits diverse Ideen, wie sich die Reaktion meiner „zu Untersuchenden“ gestalten könnte, welche forscherischen Meisterstücke sich daraus entwickeln lassen und dann passiert folgendes:

Beinahe zurückhaltende Eleganz, zugegebenermaßen leicht skeptische Gesichtszüge, aber keinerlei übersteigerte Abneigung beim „Typus Macho“ und die von mir erwarteten, aber nicht eintreten wollende Berührungsängste. Im Gegenteil, das starke Geschlecht hat Spaß an meinem Beitrag zur Abendgestaltung, post für Fotos mit den Zigaretten und unterhält sich in geradezu fachmännischer Manier über die subjektiven Geschmackserlebnisse. In diesem Moment werfe ich meine eigentlichen „Forschungshintergründe“ über den Haufen und rätsle: Wenn schon der Anblick einer durch und durch pinken Zigarette das „starke Geschlecht“ (Feministinnen mögen mir diese Bezeichnung verzeihen, aber ich arbeite hier nun mal mit Klischees) nicht mehr aus der Fassung bringen kann, wo kommen wir dann hin? Ich kam nicht umhin mich zu fragen, wie sich diese demonstrativ anmutende Gleichgültigkeit entwickelt haben kann.

Natürlich denkt man bei Männern und der Farbe Rosa, geschichtlich betrachtet, an Rokoko und das elisabethanische Zeitalter, in dem Rosa der letzte Schrei in der Männermode war. Mehr noch, vor gar nicht all zu langer Zeit, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, galt Rosa als das kleine Rot und wurde „Männern im Kleinformat“ zugeordnet. Trotzdem hatte Frau nun über 60 Jahre Zeit, sich diese Farbe wieder zu eigen zu machen. Denkt man zunächst….

Die von mir gestellte Frage nach den Gründen der geradezu höflich-zurückhaltenden Reaktionen auf mein, meiner Meinung nach, doch exotisches Forschungsobjekt ruft eine hitzige Debatte hervor.

Man(n) ist geradezu entrüstet von „meiner“ Unterstellung man(n) sei nicht Manns-genug um auch mit weniger männlichen Attributen umgehen zu können. Und überhaupt sei so etwas in der heutigen Zeit doch nicht ungewöhnlich, wo die Geschlechtermischung ja gerade ihren Siegeszug feiere. Natürlich gestehe man sich eine humorige Herangehensweise an solches „Frauenzeug“ durchaus ein, dies tue man aber auch nur um eben doch noch eine gewisse Grenze zwischen den Geschlechtern zu schaffen, denn „ganz verweichlichen“ wolle man ja dann doch nicht. Es kristallisiert sich heraus, die Männerfront ist durchaus offen für weibliche Attribute und Dinge, jedoch nur wenn diese nach eigener Interpretation und in Hinblick auf die heutige moderne Zeit sowieso als  geschlechtsneutral verstanden werden würden. Man benutze ja inzwischen auch Gesichtscreme, man höre sogar gerüchteweise über Männer, die Make-Up benutzen und rosa Hemden seien ja auch als akzeptables Kleidungsstück etabliert. Da falle eine pinke Zigarette nun wirklich nicht ins Gewicht. Auch wenn diese natürlich männlich geraucht werden müsse – was meiner Beobachtung nach eine Handlung anzüglicher Ironie mit dem einen oder anderen Travestieeffekt beschreibt. Dies behielt ich jedoch für mich und ich bin gespannt welche Folgen auf mich zukommen, wenn der eine oder andere tatsächlich meinen Blockeintrag lesen sollte.

So zeigte mir meine kleine Untersuchung zum rauchenden pinken Elefanten eigentlich alles und nichts. Oder Beides. Ja man ist tolerant und habe keine Probleme mit der Farbe Rosa oder pinken Zigaretten, aber nein die völlige Ernsthaftigkeit beim Umgang mit solchen Dingen wolle man dann doch anderen überlassen. An dieser Stelle: ihr rosa Hemdenträger, liebe bebe-Benutzer und alle anderen Rosa-Revoluzzer: Schön dass es euch gibt!

EDIT: Wie sich nach meiner Forschung herausstellte, sind die Pink Elephants (welche ich noch auf Vorrat zuhause hatte) inzwischen gar nicht mehr pink. Sie tragen lediglich ein leicht schimmerndes rosa Herz auf der Filterseite.

Die ausgepackte Dinge

Frauensachen und Männersachen auf der Straße, als Trödel „zu verschenken”

Nach dem veränderlichen Frühlingswetter wird man in der frühsommerlichen Erneuerung auf den Straßen von Tübingen hier und da auf verschiedene Pappkartons und Lattenkisten aufmerksam, die vor dem Eingangstor oder neben dem Gartentor im Bereich der Fußgängerwege abgestellt sind. In den Schachteln, die gelegentlich mit der Aufschrift „zu verschenken” versehen sind, befinden sich wenig genutzte Gegenstände. Die Kästen sind manchmal einfach auf dem Gehweg platziert, es kommt aber auch vor, dass im Interesse komplexerer Funktionen ad hoc artige Installationen angefertigt werden. An der Neckarhalde z. B. wurde ein Pappkarton auf einen dreibeinigen Schemel gestellt, an der Unterseite der Sitzoberfläche wurde eine Spendendose befestigt, die Schachtel wurde eindeutigkeitshalber mit folgender Aufschrift versehen: „ Zu verschenken! Bitte um kleine Spende für das Asylzentrum unten in der Neckarhalde.”

Das errichtete Bauwerk steht den vorbeigehenden Passanten im Weg und lenkt somit die Aufmerksamkeit auf sich. Diejenigen, die gerne zum Flohmarkt, in einen Second Hand Shop, zur Gebrauchtwaren-Börsen oder in Umsonstläden gehen, geraten in eine unwiderstehliche Versuchung, dass sie den Inhalt dieser Boxen prüfen und sich etwas aussuchen. Die Gedanken der KulturwissenschaftlerInnen werden von Inhalten bewegt, die sich aus der Gesamtheit der Objekte ergeben, die aus der privaten Sphäre an die Öffentlichkeit geraten.

Infolge von Änderungen und Veränderungen im Leben der Menschen werden alltäglich benutzte Gegenstände überflüssig. Die Vielfalt der Objektgruppen steht im Zusammenhang mit der Tragweite der Änderung. Wenn z. B. StudentInnen aus dem Studentenwohnheim ausziehen, kann gebrauchtes Geschirr überflüssig werden, oder wenn eine Massagenpraxis sich neue Anschaffungen erlauben kann, kommt das veraltete Massage-Gerät, welches zur Cellulitis Therapie verwendet wurde, vor die Tür. Wenn jemand stirbt oder wenn alte Menschen in einen Alterswohnheim kommen, geraten Erinnerungs-Gegenstände eines ganzen Lebensweges, die Ausstattung ganzer Haushalte in die letzte Phase der Objektnutzung. Sie werden zu Abfall oder verbleiben im Gebrauchszyklus.

 

Die auf die Straße gesetzten Gebrauchsgegenstände zeugen als Dokumente von einer unlängst abgeschlossenen Lebensweise. Man kann im Augenblick der Veränderung einen Rückblick auf die Wohn-, Ess- und Bekleidungskultur des Einzelnen werfen, gerade an der Schnittstelle, welche vom Geschlecht, Alter, gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Geschmack des ehemaligen Besitzers bestimmt wird. Die ausgelegten Bücher sind Mosaikstücke der Alltagskultur, wie auch die Erinnerungsstücke, die als Spuren des Urlaubtourismus und ferner Reisen erscheinen, wie z. B. das aus Holz geschnitzte Servietten-Ring Set, der Südamerikanische Strickmuster aufweisende Souvenir-Läufer, der mit dem Städtenamen Kinshasa versehene, aus Bronze angefertigte Aschenbecher aus dem Kongo, oder das Giraffenhaar-Armband aus Afrika.

Wer stellt eigentlich etwas raus? Durch direkte mündliche Befragungen als Datenerhebungsmöglichkeit, stellt sich heraus, dass eher die Frauen die Möglichkeit der Inszenierung auf der Straße ergreifen, wenn es um die Wiederverwendung gebrauchsfähiger, kleiner, gebrauchter Gegenstände geht. Im Falle einer Haushaltsauflösung in Oberboihingen haben die männlichen Mitglieder der Familie den sperrigen Müll über die Möglichkeiten, die von der Abfallwirtschaft bereit gestellt wurden, beseitigt. Das weibliche Mitglied der Familie sorgte im Gegensatz dazu für die Entsorgung kleinerer Gegenstände vor dem eigenen Wohngebäude in Tübingen. Aus der Sicht des Gender-Aspekts wird im Falle von der virtuellen Verschenk-Plattform, welche auf der Facebook Seite „Free Your Stuff Tübingen” nachverfolgt werden kann, ein anderes Ergebnis dargelegt. Diese Plattform ist im Kreise der jüngeren Generation beliebt und anhand der schnellen Statistik der Autorin, die zu separaten Zeitpunkten aufgenommen wurde, liegt der Anteil der Männer zw. 30-50%. Ein differenzierteres Bild könnte der Gender-Aspekt im Thema aufweisen, wenn weitere Analysen anhand der Faktoren Lebenswelt, Alter, Migration erfolgen würden.

Die Trödel-Installationen auf der Straße lassen noch die Stimmung der Neunziger lebendig werden, als der im Haushalt überflüssig gewordene Trödel jährlich zweimal auf die Straße gehäuft werden konnte. Innerhalb des präzisen Systems der getrennten Müllentsorgung, unter dem Schirm des umweltpolitischen Mottos „verschenken statt wegwerfen” ist dieser nostalgische Graubereich von wildem Sperrgut noch toleriert. Laut einer telefonischen Nachfrage beim Chef vom Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Tübingen ist dieses Phänomen per Gesetz nicht geregelt, klappt aber ganz gut. Dieses Retrogefühl kann sogar für die Touristen, die in den Straßen von Tübingen unterwegs sind, interessant sein.

Abenteuer vs. Hundesalon

Rosa Klötzchen

Der Anfang aller Gender-Identifikation liegt im Kindesalter, darum lag es für mich nahe, ein Spielwarengeschäft zu besuchen und mich umzusehen, wie dort mit dem brisanten Thema umgegangen wird. So kam es, dass ich den Reutlinger Osiander, der über ein umfangreiches Spielwaren-Sortiment verfügt, einen Besuch abgestattet habe.
Gleich wenn man die Treppe auf die Etage der Abteilung hochgeht, fällt zur Linken ein Ständer mit pinken und rosafarbenen Prinzessinnenschatullen und zur Rechten ein Wagen voller roter Bälle auf. Die lokale Aufteilung von Produkten an ein vornehmlich weibliches und ein vornehmlich männliches Publikum zieht sich zwar nicht in vorderer Richtung genau so durch, denn erst muss man um eine Ecke, findet sich aber in vielen Ausstellungsbereichen der Produktkategorien wieder.

So sieht man im Playmobil-Bereich eine Aufteilung ganzer Regalreihen nach dem Prinzip: Auf der einen Seite blaue Sets mit Dinosauriern, Rittern, Piraten, auf der anderen Seite vornehmlich rosa Sets mit Feenhäusern, Feenboten, Pagasi und Einhörnern. Kleine Sets, die nur ein paar Figuren und Möbel enthalten, sind blau-rosa kodiert: Eine Werkstatt, in der der bärtige Vater mit dem Sohn arbeitet, in blauer Verpackung, steht rosafarbenen Sets von einem Wohnzimmertisch mit Eisbechern und einer Küche mit Kind auf Babysitz gegenüber. Während die blauen ‘Jungenartikel’ auf der Verpackung das Emblem eines Playmobil-Männchens mit Bauarbeiterhelm haben, ziert die rosa Sets ein Kopf mit längeren orangen Haaren und zwei roten Bäckchen. Die kuriose Ausnahme der Stereotype stellen zwei Dino-Sets mit Frauenfiguren dar, einmal ‘sogar’ als Abenteurerin mit Waffe.

Eine Mitarbeiterin erklärt mir, dass die polare Positionierung der Sets in Reihen für Mädchen und Jungen von den Herstellern meist schon vorgegeben, oder zumindest stark empfohlen sei. Sie erzählt, dass sie andauernd die Erfahrung mache, dass Mädchen in den Laden kämen und es sie sofort zu allem in Rosa und Pink hinzöge , dabei wollten das die Eltern gar nicht so. Diese Fixierung sei bereits vorhanden, wenn die Kinder herkommen. Warum, das könne Sie sich nicht erklären. Prinzessinnen und Feen in Puppenhäusern seien scheinbar die Interessen der Mädchen, während Jungen vom kleinsten Alter an eher technisches Spielzeug zum Bauen bevorzugten. Kaum ein Mädchen interessiere sich für die technischen Bausätze mit Autos, Eisenbahnen und Kränen. Auch sei das Indianer-Thema bei Mädchen völlig unpopulär, aber mit den Bauernhof-Sets gäbe es eine Reihe, die interessanterweise  gleichermaßen Jungen wie  Mädchen anspreche.

Als ich weitergehe zu dem anderen großen Bauklötzchenhersteller, sticht die Genderisierung der Produktreihen noch viel stärker ins Auge: Links in den Regalreihen die aufwändigen Sets mit Abenteuern im Dschungel, im Weltraum, mit Indianern und Sheriffs und Autorennen, rechts das Regal für Mädchen – alle Verpackungen in lila. Herrscht bei den Sets zur Linken eine Heterogenität der Formen, Farben und Themen vor, so gehören die lila Sets zu der umstrittenen Serie „Friends“, die geometrisch, farblich (lila und rosa) und thematisch die Einheit eines Puppenhauses bilden. Seite an Seite mit den komplizierten, vielfarbigen Abenteuer-Sets erscheint die Friends-Serie geometrisch simpler, einfacher konstruiert und farblich wie knalliger Kaugummi – und das wohlgemerkt in der gleichen Altersklasse. Die Mädels der Friends-Serie treffen sich zum Kuchen- und Brezel(?!)-Essen, Umziehen, und Fahrradfahren vor dem Schulgebäude. Währenddessen haben die anderen Lego-Figuren offensichtlich die tollsten Abenteuer in aller Welt zu bestehen. Hier reproduziert Lego überkommene Geschlechterklischees: Der Abenteurer ist aktiv, ist männlich, während sich die Frau passiv und ohne Gestaltungswillen nur um das Haus und ihre Freunde kümmert.

Sehr betroffen gemacht hat mich die Entdeckung von Baukästen mit klassischen universellen Lego-Steinen, deren es zwei gibt: Ein Stapel in blau und daneben einen in rosa. Die Unterschiede der Steine sind minimal, so haben beide Kästen Teile für Bäume, einfache Autos (in blau/in rosa), Häuser mit Türen und Fenstern (rot-blau/weiß-rosa) und Tiere (Hund/Pferd). Und wo das Männchen des blauen Kastens einen Schraubenschlüssel hält, steht das Frauchen vom rosa Kasten mit einer Bürste vor ihrem weißen Ross.
Die Mitarbeiterin erzählt mir, erst mit Lego Friends habe Lego nach Jahren 2012 wieder etwas gezielt für Mädchen herausgebracht. Traditionell verkauft sich Lego an Mädchen nur sehr schlecht. Es gab durch die Fernsehwerbung dann auch einen größeren Hype als gedacht um die Sets, sie liefen aber nicht so gut wie die ‘Jungen-Sachen’.

Lego hier zu kritisieren ist schwierig. Zwar ließe sich schnell sagen, es ist ein Unding, dass die Sets für Mädchen keine Abenteuerthematik haben und die Figuren stattdessen passiv rumsitzen, aber Lego wollte eigentlich gar nicht trennen. Die Abenteuer-Themen wurden scheinbar schlicht nicht von Mädchen angenommen. Sind rosa Hundesalons dann besser als lila Feenhäuser bei Playmobil? Mit Sicherheit ein bisschen weniger problematisch, aber Lila und Rosa bleiben Lila und Rosa. Wären vielleicht einfach mehr Frauchen statt Männchen in den klassischen Lego-Sets mit Abenteuern – nach einer Art Frauenquote – ein besserer Weg?

Und dann stellt sich da die Frage, inwieweit der Rosa-Lila-Fokus ein selbsterhaltendes Prinzip ist: Es wird von den Eltern sorglos gekauft, weil es ‘für Mädchen’ ist, ist daher rosa/lila, rosa/lila wird für die Kinder zum Zeichen für Mädchenprodukte, und weil sie sich in dem Alter sehr vom anderen Geschlecht distanziert fühlen, setzen sie ihre Selbstidentifikation und ihren Fokus voll auf die Produkte, die scheinbar ‘nur für Mädchen gemacht’ sind. Also: Finden Mädchen diese Sets wirklich interessant oder interessieren sie sich nur für sie, weil sie dediziert für Mädchen sind? In dem Falle hätte die Industrie ihre Mitschuld an der Erzeugung und Reproduktion von starren Geschlechteridentitäten.
Ansonsten ist die Ordnung des Ladens durchgehend gemischt, man ist versucht, keine Geschlechter-Trassen zu schaffen. Von den Bauklötzchen abgesehen war der Rest der Spielwarenabteilung erfreulich geschlechtsneutral gehalten. Die ausgestellten Kuscheltiere, Gesellschaftsspiele und Bastelartikel zeigten wenig Tendenzen zur geschlechtsspezifischen Ansprache. Es geht doch.

Hinweis: Auf eine kontextbezogene Einbettung der Bilder wurde verzichtet, weil WordPress beim Speichern stets die Formatierung vergaß.

Der Grill – typisch männlich?

Männer stehen am Grill und kümmern sich um das Fleisch, Frauen steuern allenfalls einen Salat für das Buffet bei. So ungefähr kann man sich das Klischee vorstellen, das uns beim sommerlichen Grillspaß begegnet. Doch ist da wirklich was dran? Oder liegt hier nur ein weiteres, längst überholtes Vorurteil gegenüber Männer- und Frauensachen vor?

Um diese Frage beantworten zu können, habe ich über den Sommer hinweg die verschiedensten Menschen beim Grillen beobachtet und zehn Leute, fünf weibliche und fünf männliche Personen, aus meinem eigenen Freundeskreis befragt.

Die teilnehmende Beobachtung ergab, dass tatsächlich viel öfter Männer am Grill stehen als Frauen. Einmal ging zum Beispiel eine Frau im Botanischen Garten zu einer fremden Gruppe junger Männer und fragte diese, ob sie ihr und ihren Freundinnen beim Anzünden des Grills behilflich sein könnten.

Vereinzelt konnte ich aber auch beobachten, dass Frauen den Grill bedienten.

Die Befragung ergab zusätzlich, dass es deutlich mehr weibliche Vegetarier gibt (drei von fünf Befragten). Deshalb wird Grillkäse vorwiegend von Frauen gekauft. Die weiblichen Befragten, die nicht Vegetarier sind, gaben an beim Grillen am liebsten Putensteak zu essen und Cola oder Radler zu trinken.

Putensteak

Die Männer bevorzugten das Steak, gerne auch medium oder wie es ein Befragter formulierte „schön blutig“. Die meisten Männer trinken dazu auch ein kühles Bier. Dennoch gaben auch zwei von fünf befragten Männern an, einen guten Kartoffelsalat dem Steak entschieden vorzuziehen.

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Fast jeder befragte Mann war der Meinung, dass Männer an den Grill gehören. Auf die Frage warum sie diese Ansicht vertreten, bekam ich Antworten wie „Frauen können das nicht“ oder „Ist halt Männersache“.

Und was denken die Frauen? Sie überlassen das Grillen gerne den Männern. Nicht weil sie es nicht können, sondern weil sie sich selbst dann guten Gewissens nicht darum kümmern müssen. „Wenn wir Frauen angeblich an den Herd gehören, dann gehören Männer eben an den Grill“, gab eine Befragte lachend an.

Mich hat an den Ergebnissen meiner Forschung besonders überrascht, dass, obwohl eigentlich ja „Frauen an den Herd gehören“ und für die Essenszubereitung zuständig sind, die Rollen beim Grillen plötzlich vertauscht werden, die Männer nun am Grill stehen und das von beiden Geschlechtern so akzeptiert wird. Auch die Werbung im Fernsehen und im Radio macht Männer zu Grillmeistern und unterschlägt die Rolle der Frauen. Vielleicht kommt beim Grillen der bei den Männern eigentlich längst verlorengegangene Jagdinstinkt und die Faszination für Feuer wieder hervor, während die Frauen, die Sammlerinnen, ihre Zeit in einen guten Nudelsalat investieren.

„Je hochprozentiger desto männlicher“ oder Getränke auf der Genderbühne

Es geschah im Sommer. An einem schönen, sonnigen Nachmittag traf ich einen Freund im Biergarten um die Sonne zu genießen und Neuigkeiten auszutauschen. Aufgrund meiner Verspätung bestellte er bereits für uns die üblichen Getränke. Eine süße Weißweinschorle für ihn 207797_10200595839718063_12613303_nund ein Bier für mich – wie immer. Ich kam an, der Kellner brachte gerade die Bestellung und mit einem siegessicheren Lächeln der Gewissheit überreichte er mir die Weinschorle und meinem Begleiter das Bier. Auch wie immer, scheinbar kennt jeder Kellner weit und breit ein ungeschriebenes Gesetz, welches festlegt, dass süße Weinschorlen nur von Frauen getrunken werden. Warum ist es denn so unwahrscheinlich, dass mein männlicher Begleiter diese Weinschorle trinkt?

Ich beschließe dem Phänomen der typischen Männer- und Frauengetränke auf den Grund zu gehen und stelle mir die Frage ob es denn wirklich geschlechtsspezifische Getränkevorstellungen gibt und in wie fern diese Vorstellungen mit dem tatsächlichen Konsum übereinstimmen.

Selbst als Kellnerin tätig, nutzte ich meine Befugnisse aus, um Gäste und Gastronomen zu befragen und zu beobachten. Im Zusammenhang mit den Ergebnissen meiner Beobachtung und Umfrage, besuchte ich außerdem verschiedene Getränkeabteilungen großer und kleiner Supermärkte, um dort Ausschau nach spezifischen Männer- und Frauengetränken zu halten.

Alle zwanzig befragten Personen zwischen 21 und 68 Jahren, 20130729_201228davon zehn weiblich und zehn männlich, waren sich sofort einig: aber natürlich gibt es typische Frauen und Männergetränke. Auch wusste jeder dazu gleich unzählige Beispiele zu nennen. Es gibt also ein ungeschriebenes Getränkegesetz, wenn es doch jeder kennt?

Frauen trinken Säfte, Sekt, Hugo, süße Liköre, bunte Cocktails, Wein, Erdbeerbowle und Latte Macchiato. Typische Frauengetränke sind süß, prickelnd und klebrig. „Frauen trinken gerne Alkohol ohne ihn zu schmecken“ beschrieb ein Gastwirt das Phänomen. Bunte Mischgetränke in ausgefallenen Gläsern wie Aperol Spritz und Cocktails sind besonders frauentypisch, denn Angehörige des weiblichen Geschlechtes legten generell viel Wert auf die Optik, auch bei Getränken. Das Aussehen sei „kriegsentscheidend“, merkte einer der Befragten an. „Elegante“ Stilgläser, harmonierende Farben, Früchte, Strohhalme und Schirmchen – all das sei typisch Frau.

Bier, Wein und klarer Schnaps, schwarzer Kaffee, Wodka, Gin und Whisky werden hingegen als männliche Getränke empfunden. Getränke mit Charakteristika wie herb, stark, hart, bitter und rauchig sind männlich. Der Alkoholgehalt sei höher als bei Frauengetränken, Männer konsumieren mehr Alkohol und die Optik spiele, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Bier- Whisky und Rumgläser fallen nicht besonders auf und die Vorstellung eines dekorierten Whiskys entlockt meinem Gegenüber nur ein spöttisches Schmunzeln. Mit dem vermehrten Alkoholgenuss, auf Seiten männlicher Konsumenten, sollten meine 559790_10200595838638036_493363179_nGesprächspartner Recht behalten, wie verschiedene Statistiken belegen¹.

Ein klares Bild scheint in den Köpfen zu existieren, welches sich besonders auf alkoholhaltige Getränke bezieht. Doch wie sieht die Realität aus? Um diesem nachzugehen, befragte ich fünf Gastronomen und beobachtete während der Arbeit, mit Hilfe einer Liste, ob es geschlechterabhängiges Bestellverhalten gibt. Tatsächlich wurden typische Frauengetränke, bis auf wenige Ausnahmen, nur von Frauen bestellt. Allerdings im gleichen Maße wie Frauen Männergetränke wie Bier und stärkere Schnäpse konsumierten. Besonders das Männermonopol auf Bier scheint gebrochen. Frauen tranken fast genauso viel Bier wie Männer. Eine einzige Männerdomäne im Bierregal ist  und bleibt wohl auch vorerst das Weizenbier. Weizenbier trinkende Frauen erregen genau so viel Aufregung  wie Männer mit einer süßen Weißweinschorle. Meine Beobachtungen die Männer betreffend waren interessanterweise, bis auf wenige Ausnahmen, deckungsgleich mit den Ergebnissen der Umfrage. Männer tranken also hauptsächlich Männergetränke. „Je hochprozentiger desto männlicher“ scherzte ein Gast und traf damit genau den Ton, welcher allgemein mit männlichen Getränken mitschwingt. Schlicht, stark, rau, ohne Schnörkel. Ein Gast, welcher mit Campari Soda ein bitteres, aber dennoch buntes Mischgetränk bestellte, entfernte sofort den Strohhalm aus seinem Glas. Vermutlich unmännlich?

Eine Studie aus der Schweiz zeigt auf, dass der erste Alkoholkontakt im Leben sich bei beiden Geschlechtern relativ stark an typischen 378px-JwalkerFrauen- und Männergetränken orientiert. Bei Jungen ist es meistens Bier, während der Anteil von süßen Alkopops, Likören und Cocktails bei Mädchen wesentlich höher ist. Alkopops sind bei Jugendlichen zwischen 13 und 16 beider Geschlechter beliebt, wobei mit steigendem Alter, laut Statistik, vor allem der Bierkonsum sowie der Konsum typischer Männergetränke bei Männern deutlich zunimmt².

Um meiner Frage noch weiter auf den Grund zu gehen, begab ich mich auf Expedition in die örtlichen Supermärkte. Dabei fiel auf, dass nur typische Frauengetränke auch (teilweise) ein geschlechterspezifisches Design hatten. Sekt zum Beispiel gibt es in rosa Aufmachung, Aperol Spritz und Hugo in kleinen, bunten Flaschen mit exklusivem Design. Die Zielgruppe „Frau“ wird also bei typischen Frauengetränken auch über die Aufmachung direkt angesprochen, während andere Verpackungen keinerlei geschlechtsspezifische Merkmale tragen. Alle anderen Getränkedesigns, auch die von Männergetränken, haben bei mir einen neutralen Eindruck hinterlassen. „Frauen, kauft worauf ihr Lust habt – Männer, das in Rosa und die Cola Light mit Herzchen ist nichts für euch“, scheint die Devise.

Letztendlich konnten auch meine gastronomieerfahrenen Gesprächspartner diese Beobachtungen bestätigen. Meistens trinken Männer keine „Frauengetränke“, ohne verwirrende Blicke zu ernte20130822_144412-kdcollagen. Ein Phänomen, welches nicht nur meinen Kollegen und mir aufgefallen ist, sondern auch von Blogs und Zeitungen aufgegriffen wird³. Frauen hingegen trinken bei Bedarf einfach fröhlich an Stereotypen vorbei. Man könnte es emanzipiertes Trinkverhalten nennen. Vor allem Getränke wie Bier, Wein und Schnaps werden nicht geschlechterabhängig getrunken, vielmehr hängt es von persönlichen Vorlieben ab, bestätigen mir auch meine Gesprächspartner.

Anzumerken habe ich aber dennoch, dass ich an so manchem Abend hinter der Bar Aperol Spritz und Erdbeerbowle auch für die Herren zubereitete und auf Frauen traf, die nur dunkles Hefeweizen bestellten. Ein angeheiterter Student auf einer Kneipentour antwortete mir auf die Frage, was denn sein Lieblingsgetränk sei, strahlend, „Pina Colada“ und sein Begleiter flötete „Bananenweizen“.  Beides, den oben genannten Kriterien folgend, unmännliche, süße Frauenmischgetränke? Allerdings handelte es sich dabei wirklich eher um Ausnahmen, aber regelmäßige Ausnahmen.

Eine Studie über soziale- und kulturelle Aspekte des Trinkens kommt zu dem Schluss, dass die verschiedenen Regeln und Verbote, welch1236815_10200595838358029_2105449729_ne den Konsum von Alkohol begleiten, die generellen Werte, Vorstellungen und Gesinnungen einer Gesellschaft, widerspiegeln⁴. Nimmt also die generelle Bedeutung von geschlechtsspezifischem Verhalten, vor allem bei Frauen, tatsächlich nach dem jugendlichen Alter ab? Während Männlichkeit nach wie vor durch bestimmtes Verhalten bestärkt werden muss? Im Rahmen dieser sehr kleinen Studie sind diese Fragen nicht zu beantworten, allerdings wirft sie die Frage auf, wie sehr wir unser Verhalten an spezifischen Geschlechterrollen orientieren. Und mal ganz ehrlich, beruht denn nicht eigentlich schon die gesamte Fragestellung dieses Beitrags auf kulturspezifischen Werten, Rollen und Interpretationen?

Nachweise

¹Peter Anderson, Ben Baumberg 2006: Alcohol in Europe. A public health perspective. A Report for the European Commission. S. 82, 97-104. http://ec.europa.eu/health/ph_determinants/life_style/alcohol/documents/alcohol_europe.pdf.

²Ruedi Niederer, Kati Korn, Daniela Lussmann, Miriam Kölliker 2008: Marktstudie und Befragung junger Erwachsener zum Konsum alkoholhaltiger Mischgetränke (Alkopops). Ergebnisbericht. S. 36, S.47, S.117. http://www.alkoholpolitik.ch/archiv08/forschue/analalcp.pdf.

³Goddard, Sigrid 2012: # 38 Aperol Spritz. http://www.alleswasunmaennlichist.de/2012/05/38-aperol-spritz/.

Lohre, Matthias 2013: Die Stille nach dem Spritz. Warum eigentlich gilt Biertrinken als maskulin? Ein Kneipen-Experiment. http://www.taz.de/!108244/.

SIRC 1998: Social and Cultural Aspects of Drinking. A report to the European Commission. S. 21. http://www.sirc.org/publik/social_drinking.pdf.