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Die “Slim-Zigarette”/der „Nuttenstängel“: Versuch einer kulturhistorischen Herangehensweise.

Wie bereits in meinem ersten Blockbeitrag ( http://www.lui-styleguide.uni-tuebingen.de/wp-new/?p=1477 ) herausgearbeitet wurde, ist das Rauchen von Zigaretten offenbar eine kulturelle Praxis, bei der Demarkationslinien entlang der Geschlechter gezogen werden. In Deutschland, einem Land, in dem gegenwärtig beide Geschlechter rauchen und man eigentlich keine große Abgrenzung von „männlich“ und „weiblich“ diesbezüglich erwarten würde, scheint sie in Form von unterschiedlichen Designs vorhanden zu sein.

Eine geschlechts-spezifische Zuschreibung und Trennung bezüglich des allgemeinen Tabakkonsums schien in der frühen Neuzeit zunächst gering ausgeprägt zu sein.1 Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Rollen von Frau und Mann in der Gesellschaft neu definiert, weshalb im Bürgertum des 19. Jahrhunderts sich geschlechtsspezifisch scharf getrennte Lebenswelten und Rollenerwartungen herausbildeten. Dies manifestierte sich auch im Tabakkonsum, der männlich konnotiert war und von dem Frauen strickt ausgegrenzt wurden.2 Da es – zumindest in den (west)europäischen Städten des 19. Jhs. – als unschicklich galt, im Freien bzw. auf der Straße zu rauchen, wurde innerhalb der Wohnungen und dann ausschließlich in dem Arbeits- und namentlich dem „Herren-“ oder „Rauchzimmer“ geraucht, also nur in Bereichen der ‘männlichen Sphäre’.3

Diese rigorose Zuordnung des Rauchens zur Männerwelt machte es als Symbolträger für Auflehnung und Emanzipationsbestrebungen geeignet. So konnte es nun von Frauen, die in männlich konnotierten Domänen vordrangen, provokativ eingesetzt werden, um die eigene Überwindung der eng gezogenen Grenzen der weiblichen Wirkungswelt zu demonstrieren.4

P1050879Durch die Vermarktung der Zigarette wurden dann ab den 1910er Jahren immer mehr Frauen als Kundenstamm erschlossen.5 Während Pfeife und Zigarre als zu männlich galten, haftete der schlanken Zigarette der 20er Jahre ein Beigeschmack des Femininen an: „Flüchtigkeit, Leichtigkeit und elegante Lebenskunst, verbunden mit einem Hauch von Verruchtheit symbolisierend galt die Zigarette auch als Aufforderungssignal und Accessoire zum Flirt. Rauchende Frauen wurden nun zunehmend als reizvoll und verführerisch dargestellt.“6

Vielleicht hat die Slim-Zigarette der heutigen Zeit, die sehr an die schlanken, oft durch eine Zigarettenspitze verlängerten Zigaretten der 20er Jahre erinnert, ihre Bezeichnung „Nuttenstängel“ in Anlehnung an das damals eher verruchte, anzügliche Image der rauchenden Frau erhalten, ein Beleg für diese Vermutung lässt sich jedoch nirgends finden.

Durch die NS-Tabakpolitik, die sich gegen das Rauchen von Frauen wandte, ging der Trend wieder etwas zurück, nach dem zweiten Weltkrieg aber kam es zu einem massiven Anstieg. Jetzt verlor die rauchende Frau ihr ehemals anrüchiges und provozierendes Image und auf sie wurde eher das Bild der erwerbstätigen und emanzipierten Frau P1050886projiziert. Ab den 60er Jahren warb die Tabakindustrie auf Grund bekanntgewordener Gesundheitsrisiken mit Filter- und teerarmen Zigaretten. Frauen waren hierfür die bevorzugte Zielgruppe. „Dass die schlanken und leichten Zigaretten von Frauen auch schneller angenommen wurden, lag wohl neben dem nicht-männlichen Image auch an der subtilen Suggestion, sie zu rauchen ginge einher mit einer schlanken Figur“.7 In Bezug auf die gegenwärtige politische Debatte zur Abschaffung der Slim-Zigarette heißt es stets: „Die dünnen Slim-Zigaretten werden fast ausschließlich von Frauen und vor allem Mädchen geraucht, weil sie als schick gelten. Wenn es sie nicht mehr gibt, so das Kalkül, wird das Rauchen für diese Zielgruppe deutlich unattraktiver.“8

An dieser Stelle werden mit der Slim-Zigarette zusammenhängende Gendercodes sehr deutlich dargestellt. Erstens scheint sie, im Gegensatz zu den üblichen Zigaretten, durch ihr schlankes Design für eine spezielle Form der Weiblichkeit und ein elegantes, vielleicht in manchen Kontexten auch provozierendes oder verruchtes Frauenbild zu stehen. Dabei spielt die Abgrenzung zu dem, was als „männlich“ betrachtet wird, offenbar eine entscheidende Rolle. Wie bei so vielen anderen Konsumgütern wird mit einem besonderen Design, das als explizit feminin sich von der „Norm“ abgrenzen soll, versucht, die Damenwelt für den Konsum zu gewinnen. Wie auch schon in meinem ersten Beitrag deutlich wurde, scheint der Aspekt: „Diese Sache ist nur für die Frau“ – vielleicht auch in Verbindung mit der eher „abwertenden“ Bezeichnung „Nuttenstängel“ – dazu zu führen, dass Männer sie generell nicht konsumieren wollen und falls doch, dann eher aus Spaß. Bei meinen Befragungen hieß es oft, man würde sie schon mal probieren, aber nicht kaufen. Die Männer, die sie rauchten, schienen durch das Einnehmen weiblicher Posen sich davon eher distanzieren zu wollen.

Natürlich kann ich diese Aussagen nicht generalisieren, dafür war die Untersuchungsgruppe zu klein und die Recherche nicht „intensiv“ genug. Was allerdings deutlich wird ist, dass, obwohl wir in einer Gesellschaft leben, in der derzeit in vielen Bereichen versucht wird, die Gleichstellung beider Geschlechter zu erreichen, selbst bei einer so „kleinen“ Sache wie der Slim-Zigarette, das Bedürfnis zum Vorschein kommt, eine Grenze entlang der Geschlechter ziehen und Unterschiede markieren zu wollen. Woher kommt das? – Das lässt sich wohl hier nicht klären.

Was festgehalten werden kann ist, dass das, was gesellschaftlich als weiblich oder männlich gilt und wo die gesellschaftlichen Normen und Regeln des binären Systems genau liegen, nicht nur kulturell unterschiedlich ist, sondern – wie die Kulturgeschichte der Zigarette gezeigt hat – sie sich ständig verändert, sich wandelt und an der einen oder anderen Stelle sich auflöst, aber offenbar immer wieder verblüffend markant zum Thema wird. Was für ein Bedürfnis spiegelt das? Ist es die Suche nach Identifikation innerhalb einer Ordnung, nach einer geschlechtsspezifischen Zugehörigkeit? Ist es eine Frage des Selbstbewusstseins, inwiefern man sich dieser Ordnung fügt?

1.) Vgl. Thomas Hengartner/Christoph Maria Merki (Hg.): Genussmittel: Ein kulturgeschichtliches Handbuch. Frankfurt/Main; New York, 1999, S. 178

2.) Vgl. Andrea Frisch: Nikotinabhängigkeit bei Frauen – Konsumverläufe und Behandlungsmöglichkeiten, Masterstudiengang Suchthilfe, KFH NW, Abt. Köln. S. 11

Online abrufbar unter: http://www.katho-nrw.de/katho-nrw/forschung-entwicklung/institute-der-katho-nrw/disup/diplom-und-masterarbeiten/masterthesen/ Zugriff: 15.09.2013

und Vgl. Hengartner 1999, S. 179

3.) Vgl. Hengartner 1999, S. 179

4.) Vgl. Frisch, S. 12

5.) Vgl. Hengartner 1999, S. 179 ff.

6.) Vgl. Frisch, S. 13

7.) Vgl. Frisch, S. 14 und Hengartner 1999, S. 180

8.) Vgl. SWRinfo: Peter Mühlfeit: Neue Tabakrichtlinie. Gruselfotos sollen Raucher stoppen. Bericht vom 21.06.2013

http://www.swr.de/swrinfo/eu-rauchen-warnhinweise-zigaretten/-/id=7612/nid=7612/did=10721540/wstwex/index.html (Zugriff: 15.09.2013)

Die „Slim-Zigarette“: eine Männerzigarette oder eine Frauenzigarette?

 

Während meines Auslandssemesters in Aserbaidschan fiel mir sofort eines auf: Auf der Straße wurde geraucht – und wie!!!

 

Solche Zigaretten werden in Aserbaischan meist geraucht.

Solche Zigaretten werden in Aserbaischan meist geraucht.

Allerdings rauchten fast ausschließlich Männer und die meisten rauchten sogenannte „Slim-Zigaretten“, die etwas länger und um einiges schmaler sind als die bei uns üblichen Zigaretten. Während meines fast fünf- monatigen Aufenthalts sah ich nur drei rauchende Frauen auf der Straße, was nicht bedeutet, dass aserbaidschanische Frauen nicht rauchen; allerdings tun sie dies meist heimlich und nur im Privaten, d.h. zuhause, in Kaffees, auf der Damentoilette oder im Aufzug. Rauchende Frauen in der Öffentlichkeit werden als sehr negativ bewertet.

Zurück in Deutschland traf ich mich mit einigen Freunden. Im Laufe des Abends holte ich eine Schachtel Zigaretten heraus, die ich in Aserbaidschan gekauft hatte, und bot sie in der Runde an. Während meine drei Freundinnen sofort zugriffen, schauten mich meine fünf männlichen Freunde amüsiert an und lehnten dankend ab. Einer meinte, „Neee ich rauch doch keine Nuttenstängel“. Ich wunderte mich, hatte ich doch in Aserbaidschan über vier Monate hinweg beobachten können, wie die große Mehrheit der rauchenden Männer genau diese Zigaretten in der Öffentlichkeit geraucht hatten, die nun, zurück in Deutschland, von Individuen des gleichen Geschlechts mit dem Begriff „Nuttenstängel“ betitelt und abgelehnt wurden.

Wie kann es sein, dass dasselbe materielle Objekt in dem einen kulturellen Kontext von Männern im Alltag verwendet wird und in einem anderen als explizit weiblich betitelt und auf Grund dessen abgelehnt wird? Vielleicht liegt es daran, dass es in Aserbaidschan kaum Sinn machen würde, unterschiedliche Designs für Frauen und Männer zu entwickeln, da Frauen offiziell nicht rauchen und, damit zusammenhängend, auch keine Zigarette – egal welche Form und Größe – mit dem Attribut „weiblich“ in Verbindung gebracht wird? Und ist es so, dass in Deutschland irgendwelche Faktoren oder bestimmte Assoziationen in Bezug auf dieses spezielle Zigarettendesign Grund dafür sind, dass diese Zigaretten für Männer eher unpassend erscheinen? Möglicherweise.

Das wirklich Interessante, das bei diesem interkulturellen Vergleich deutlich wird, scheint mir aber die Tatsache zu sein, dass in beiden Ländern das Rauchen von Zigaretten offenbar eine Sache ist, bei der „Demarkationslinien“ entlang der Geschlechter gezogen werden. In Aserbaidschan scheint eine Abgrenzung allein schon durch das Rauchen (Mann) und Nichtrauchen (Frau) gegeben, unabhängig von der Zigarettenart. In Deutschland, einem Land, in dem gegenwärtig beide Geschlechter rauchen und man eigentlich keine große Abgrenzung von „männlich“ und „weiblich“ diesbezüglich erwarten würde, scheint sie in Form von unterschiedlichen Designs doch vorhanden zu sein. Wie kommt es dazu und was für Gendercodes könnten sich dahinter verbergen?

Ich beschloss, diesem Phänomen in Form einer kleinen Studie nachzugehen. Im Internet findet man unter dem Suchbegriff „Nuttenstängel“ entweder Zigarettenverlängerungsspitzen, wie sie in den 20er Jahren populär waren, oder „Slim-Zigaretten“, die von einigen Zigarettenmarken, wie von Vogue oder Davidoff, produziert werden.

Ein Werbespruch aus den 70ern:„Eves of the world you are beautiful"1

Ein Werbespruch aus den 70ern:„Eves of the world you are beautiful”1

Bei meinen Recherchen traf ich außerdem immer wieder auf eine spezielle Zigarettenmarke mit dem Namen „Eve 120“. Diese Zigarette wurde Anfang der 70er Jahre speziell für Frauen entwickelt und im Design immer wieder an die aktuelle Mode angepasst. Mit ihrem Design versucht sie weibliche Ideale zu verkörpern. Sie ist schlank, lang und elegant. Die Werbung bezüglich dieser Zigarette versucht zu suggerieren, dass eine Frau, die eine solch schöne Zigarette raucht, selbst schön und attraktiv ist.1

Die Meinungen von Männern und Frauen im Internet bezüglich dieser speziellen Marke waren sehr kontrovers, was mir ideal für mein eigenes Experiment erschien. So schreibt zum Beispiel ein Internetblogger „wie lang darf eine zigarette sein??? so nicht. grosse finger darf man nicht haben, dann zerquetscht man diese langen dinger. viel zu dünn. […] wer raucht sowas eigentlich?? edle damen oder die ausm gewerbe. […] bloss nicht kaufen, […] . für männer völlig ungeeignet. ist nur eine für frauen.“2

Mein Interesse war geweckt. Ich kaufte mir eine Schachtel „Eve 120“und begann mit meiner kleinen Studie. In den nächsten zwei Monaten wurde die Schachtel zu meinem ständigen Begleiter. Wo und wann immer ich mich mit anderen Menschen traf und es mir angemessen erschien, bot ich die Zigaretten entweder unter den Anwesenden an oder fragte nur: „Würdet ihr die rauchen?“ Keine der 9 Raucherinnen, die ich traf, lehnte auch nur ein einziges mal ab. Oft hieß es in etwa: „Ohhh Nuttenstängel, ja gib mal her“. Viele bewunderten entweder die auf den Filter aufgedruckten Blümchen oder den extralangen Filter und kommentierten das Rauchen mit Aussagen wie: „Die sieht ja hübsch/elegant aus“, „Schmeckt schön mild“. Nur eine sagte: „Hmm, meine eigenen schmecken mir lieber“. Von den 10 Männern lehnten manche ab, manche nahmen an. Viele nahmen eine in ihren Augen feminine Pose ein und lachten dazu. Wenn ich bei den Männern, welche die Zigarette annahmen, nachfragte, was sie davon hielten, bezogen sich die Antworten meist auf den milden Geschmack; „Die schmeckt ja nach nix“. Alle 19 von mir befragten Personen (wobei sich immer wieder vorbeigehende Leute in das Gespräch einmischten) waren sich einig, dass es sich bei dem Zigarettenmodell um eine Frauenzigarette handele und auf die Frage, an was sie diese Feststellung denn festmachen würden, waren die Antworten in etwa so: „Weil sie so schmal sind, weil sie so aussehen wie die Zigaretten aus den 20ern, weil Blumen darauf sind.“

Mir fiel auf, dass, wann immer wir uns in einem „privaten Raum“ befanden, also bei jemandem zuhause, eher auch von den Männer zugegriffen wurde als an einem öffentlichen Ort. Fragte ich die Männer, warum sie denn ablehnten, hieß es meistens so etwa wie: „Hab selber Zigaretten“, „nein Danke gerade nicht“. Wollten sie nicht, weil wir uns an einem öffentlichen Ort aufhielten und sie keine „Frauenzigarette“ rauchen wollten, um keine „falschen“ Signale zu senden? Ein Mann, den ich genau zu diesem Phänomen befragte, gab mir zur Antwort: „Das hängt mit dem Drang des Mannes zusammen, sich in der Öffentlichkeit als männlich zu präsentieren“.

Ist es oft etwa so, dass, wenn Männer etwas Weibliches tun, es ihrer Meinung nach ihrem Ansehen schadet? Wie ist das bei Frauen, die etwas Männliches tun? Und was ist denn, bitteschön, explizit männlich und was weiblich?

Auf der Basis meiner kleinen Studie könnte man vielleicht meinen, dass zumindest das alles weiblich ist, was Grazie, Eleganz, eine schlanke Figur und Geschmack suggerieren. Aber nein – so verlockend das doch wäre, so einfach lässt sich das nicht generalisieren. Bevor ich jetzt allen Männern den Anspruch auf Geschmack und Eleganz abspreche, beende ich an dieser Stelle diesen Beitrag und widme mich in meinem zweiten Beitrag dem Thema „Nuttenstängel“ mit einer kulturhistorischen Herangehensweise.

 

1.) Vgl. Homepage Stanford. School of medicine. Tobacco Advertising Theme women´s Ciggarettes eve http://tobacco.stanford.edu/tobacco_main/images.php?token2=fm_st037.php&token1=fm_img0978.php&theme_file=fm_mt013.php&theme_name=Women%27s%20Cigarettes&subtheme_name=Eve

und Cigarre 24.de: http://www.cigarre24.de/zigaretten/zigaretten4/eve120.php                                               Abruf:15.09.2013

2.) Vgl. http://www.dooyoo.de/zigaretten/eve-120/253064/      Abruf:15.09.2013