Die Beschäftigung mit dem Thema Mode sorgt – wie mit ihrer scheinbaren Gegenspielerin, der Uniformität – oftmals für mehr Verwirrung denn Klarheit. Das mag nicht zuletzt an der Wirkungsweise der beiden Phänomene selbst liegen. Besonders  Mode wirkt dabei unüberschaubar, mannigfaltig und immer auf der Suche nach Veränderung und Erneuerung meist von bereits Bekanntem.

Mode, die (v. französ.: mode – auch aus lat.: modus „Art“) (als zeitgemäß geltende Art, sich zu kleiden; etwas, was dem gerade herrschenden Geschmack entspricht) […].“ Duden 1996, S. 499.

Dagegen scheint Uniformität in ihrer ursprünglichen – militärischen – Erscheinungsform als offensichtlichstes Merkmal vor allem eins zu sein: klar und eindeutig.  Das wiederum mag an ihrem Bedeutungsinhalt liegen: Er steht für Einheitlichkeit, Gleichförmigkeit, Konservation.

Beide Phänomene jedoch haben und hatten großen Einfluss auf ein- und dasselbe Wirkungsfeld: die jeweilige Gesellschaft. Dort beding(t)en und beeinfluss(t)en sich Mode und Uniformität je nach Blickwinkel gegenseitig. Dieses Wechselspiel, das auf bestimmten Kriterien fußt (zeitlicher, geografischer und gesellschaftlicher Kontext) ist es, das die Beobachtung und letztendlich auch die Untersuchung  beider Felder so schwierig macht.

Mode und Gesellschaft

Uniformität und die mit ihr assoziierte Uniform stehen für Erscheinungsformen und für Eigenschaften, die einer pluralistisch orientierten – oder zumindest sich diese als Norm verschreibenden – Gesellschaft entgegenstehen.“ (Mentges 2005, in: Schönheit der Uniformität, S. 18)


Grundlage für Mentges’ Annahme ist hierbei die These des Philosophen Wolfgang Welsch, der – idealtypisch – postmoderne westliche Gesellschaften als „pluralistisch und damit von ihrem Grundsatz her individualistisch und somit gegen Uniformität ausgerichtet“ definiert. Deshalb sei Uniformität als zentraler – negativ konnotierter – Gegenbegriff zu Pluralität zu sehen, welche als grundlegendes modisches Ideal des Individuellen angesehen wird.

Diese (scheinbare) Unvereinbarkeit und das daraus entstehende Dilemma lässt sich daher auch mit anderen Begrifflichkeiten ausdrücken: Holismus (Uniformität) versus dem Anspruch auf Individualismus (Mode ). Der Konflikt zwischen Individuen und Macht bzw. Autorität ist damit vorprogrammiert.

Die (militärische) Uniform und damit Uniformität steht dabei für die autoritäte Seite: Inhalte und Zeichen sind vorgeschrieben, zwar in Details nicht jedem bekannt, dafür allgemeingültig und -verständlich. Wer das Aussehen bestimmt, verordnet und stellt Autorität dar. (Mentges S. 22)

Paradox?

Vordergründig betrachtet scheint die idealtypische Gegenüberstellung Uniform vs. „modisches“ Kleidungsstück schlüssig, alles andere qua Betrachtungsgegenstandes paradox.

Hintergründig und vom realen Untersuchungsgegenstand ausgehend jedoch wird diese Trennung immer verwaschener. Eine klare und strikte Differenzierung scheint überholt.

Als Bindeglied und Mittlerin beider Welten kann die habsburgische Ziviluniform angesehen werden. Sie verbindet das Wesen der Uniformität mit modischen Einflüssen (vgl.: Seipel 2000: Des Kaisers teure Kleider).

Aufseiten der reinen militärischen Uniformen und Rüstungen gibt es ebenfalls schöne Beispiele für gegenseitige Einflüsse (vgl. Tucker: Uniformen und Rüstungen: ein Bildlexikon.)

Als Vertreterin der “anderen” Seite kann die höfische Mode und später zu Beginn des 20. Jh.s die Haute Couture im Speziellen als Gegenentwurf herangezogen werden.

Selbst bei diesen Beispielen für Extravaganz und größtmögliche Individualität lassen sich  m. E. uniforme Züge feststellen. Gerade im Hinblick auf das Einfließen auf Alltagsmode.

Als Erklärungsansatz erscheint mir plausibel, dass sowohl Mode als auch Uniformität in unserer heutigen westlichen Alltagswelt maßgeblich verankert sind und die strikte Trennung aufgehoben wird. So finden sich gerade jetzt Trends, in der in der Mode mit militärischen Gesten, Schnitten oder Stoffbeschaffenheiten ein klarer Bezug auf den (militärisch) uniformierten Bereich hergestellt wird.

Masse & Raum

Bei der Uberwindung der starken Gegensätze sind die Massen in den urbanen Räumen des 19./20. Jh.s maßgeblich beteiligt. Genauer  gesagt verhalf erst die Konfrontation mit der Masse und ihrer Präsenz im urbanen Raum zur Annäherung. Daraus entwickelten sich neue, nicht-militärische Prozesse, die laut Gudrun König bereits in den großen Städten des 18. Jhdts. in Ansätzen nachzuweisen sind.

Als Resultat entstünde nach König Ambivalenz, weil die Ununterscheidbarkeit durch das Aufgehen Einzelner im Ganzen erzeugt werde. Dies bewirke eine neue Bedeutung des ursprünglich aus dem militärischen abgeleiteten Begriffs Uniformität durch die Bedarfsgestaltung einer großen Masse an Objekten oder für eine große Menge an Menschen (Mentges nach Sombart, S. 28)

Das wiederum führt zur Erfassung von Masse als visuellem Phänomen: als sinnliche Erfahrung. Gleichsam wird das Anziehen oder Ablegen einer Uniform ein Zeichen von staatlicher Macht und ist daher  nur für den männlichen Körper konzipiert. Auch heutzutage ist das staatliche Machtmonopol männlich konnotiert.

Scheinbarer Gegensatz?

Mode wandelt sich zu einem Symbol für das große Individualisierungsversprechen der Moderne (Mentges,  S. 21). Somit rückt der Anspruch auf die selbstbestimmte visuell/materielle Gestaltung der eigenen sozialen Handlungsautonomie immer mehr in den Vordergrund. Gleichzeitig jedoch können uniforme Prozesse/Unifromität einen Gegenentwurf darstellen, der – scheinbar, wie ich im anschließenden Abschnitt ziegen möchte – eine scharfe Trennung erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht.

Mode wird/kann als zeitspezifischer Umgang mit dem Körper, sogar als eine Körpertechnologie, die bestimmte Körper- wie Geschlechterbilder und den damit verbundenen Habitus erzeugt“ (Craik 1994, The Face of Fashion. Cultural Studies in Fashion. S. 4-5) gesehen werden.

Gemeinsamkeiten!

„Mode entfaltet sich erst im 19. Jahrhundert voll, wenn sie als marktwirtschaftliches Modell ihre kulturelle wie soziale Bedeutung zur Geltung bringt. Seitdem gilt Mode als Ausdruck personaler Identität und wird zum Medium für die Gestaltung von soziokulturellen Differenzierungen und individuellen Abgrenzungsstrategien.“ (Mentges, S. 21)

Unter „strukturellen Gemeinsamkeiten“ versteht Mentges den Herstellungsprozess, der heutzutage für beide Märkte nach den Richtlinien der industriellen Anfertigung – also Standardisierung, Serialität und massenhafter Produktion – verläuft.

Betrachtet man den heutigen Modemarkt, so stechen seine oftmals marktbeherrschenden und in ihrer strukturellen Anlage sich gleichenden Modeketten (ob teuer oder nicht), wie bspw. C&A, H&M, New Yorker und und und, heraus. Ganz gleich welche man zu Vergleichen heranzieht: Meiner Meinung nach bietet sich dem Konsumenten nur eine scheinbare Wahlmöglichkeit, die unter festgelegten uniformen Rahmenbedingungen funktioniert. Denn meist werden die Entwürfe und damit auch die Entscheidungen, was zum Trend erhoben wird , bspw. bei H&M zentral gesteuert.

Identitätsstiftendes Element als Mittlerin

Zu Beginn der postmodernen Epoche wurde Mode in der Gesellschaft als identitätsstiftendes Element beschrieben. Doch die Individuen selbst tragen mit ihrem Wunsch zur Uniformierung bei. Sobald die Mikroebene verlassen wird, das Individuum in einer Gruppe aufgeht, spielen Uniformierungsprozesse eine wichtigere, wenn nicht sogar die wichtigere Rolle. So spiegeln sich je nach Blickwinkel im Phänomen des  Trends unterschiedlich stark ausgeprägte Akzentuierungen wider.

Somit ergeben freie, scheinbar unterschiedliche Wahlmöglichkeiten letztlich doch ein- und dasselbe Resultat: Schließe ich mich aktiv einem modischen “Trend” an, bekunde ich offensichtlich (m)eine Zugehörigkeit zu einer Gruppenidentität. Ironischerweise tue ich das auch dann, wenn ich mich gegen „den“ Trend und für eine Individualität entscheide.


Henne-Ei-Prinzip

Für Unsicherheit sorgtbei mir auch der Umstand, dass Mode gerne als übergeordnetes Phänomen angesehen wird, Uniformität dagegen nur als nachgeordneter Teilbereich.

Ich jedoch bin gegenteiliger Meinung (auch wenn mich diese Frage unweigerlich an das Henne-Ei-Prinzip erinnert).

Ähnlich sieht es auch der Ludwigsburger Publizist Friedrich Theodor Vischer bereits 1875:  In der Welt der Mode herrsche für die Zeitgenossen/-innen Konfusion. Deshalb regiere  das „Diktatorische Zepter (Diktat der Mode = Unterordnung)“.  Darum ist  Mode für ihn „nivellierend, Völker wie Individuen eingleichend“.

Am Ende stehe (nach Werner Sombart 1902, Wirtschaft und Mode) die „Kollektivierung des Konsums & die dadurch bedingte Uniformierung des Geschmacks“.

Beziehung Konsument/Produzent – kulturelles Spielfeld

Heutzutage wird zwar davon ausgegangen, dass die Beziehung Produzent/Konsument nicht so einseitig verläuft („vielschichtiges Handlungsfeld“). Anders ausgedrückt: : Modisches Verhalten und modische Kultur seien nicht bloß Resultate wirtschaftlicher Strategien, sondern Felder, auf denen die Konsumentinnen/-en kulturelle Strategien ausübten, gar mit ihnen experimentierten (bspw. Punker) und sich damit kulturell wie sozial positionierten (=>Mode als Statussymbol).

Dennoch steht dies meiner Meinung nach im Widerspruch zum Fakt, dass nahezu alle Modemarken Trendscouts einsetzen.  Das Aufgreifen und damit einem breiten Markt zugänglich machende Element führt in der Konsequenz wieder zur Uniformierungsprozessen, die dank des uniformen Angebots Gleichartigkeit und Vergleichbarkeit auch als Wahrnehmungs- und Ästhetikkonzepte etablieren.

Gleichheit als Vorbedingung

Gleichheit (Uniformität) kann als eine Bedingung zur Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft und demokratischen Staatsform angesehen werden:

„Ich sehe eine zahllose Masse Menschen, die einander gleich und gleichgestellt sind und sich ruhelos mit sich selbst befassen […].“ (de Tocqueville 1955, Über die Demokratie in Amerika, S. 233)

De Tocqueville sieht Vereinheitlichung nicht als Unterwerfung, sondern Lösung der Nebeneinanderstellung von anonymen Menschen an. So sorge in anderen Bereichen, etwa eine kulturelle Uniformierung, für funktionierende Kommunikation. Umgekehrt trügen Kommunikationsmuster & -mittel zur Uniformierung bei.

Ausgansgpunkt militärische Uniformität

Auf den zivilen Gegenstand bezogen herrscht heutzutage jedoch keine idealtypische Gleichheit/Gleichförmigkeit mehr. Dort herrschen Unterschiede vor: Raum, Zeit, differenziertes Aussehen des Uniformwesens im Erscheinungsbild.

Nur die Symboliken, die mit Uniform verknüpft werden, scheinen temporär stabiler als bei Mode zu sein. Die soziale Konstruktion der Gleichheit wird durch eine spezifische Weise hergestellt: mittels technisch-maschineller Gleichartigkeit und nach ökonomischen Gesichtspunkten .

So wurde die Vermessung (Konfektionierung) des/r Körper/s  zu militärischen Zwecken und das daraus resultierende Maß als uniforme Einheit sowie die standardisierte Herstellung der Kleidung (Mentges, S. 27) zum heutigen Phänomen.

Mode befreit die Uniformität?!

Das freizügige Spielen mit Uniformität entstammt jedoch eindeutig dem Bereich der Mode. Dadurch wird erst ein ästhetisches Relationskonzept sichtbar, das Uniformierung im Bezug zu(m) a(A)nderen erkennbar macht.


Religiöse Uniformierung

Einen Wesensunterschied zu den oben beschriebenen Uniformierungsprozessen stellt die religiöse Uniformierung dar. Denn diese werde auf andere Weise, nämlich durch Herstellung eines gemeinsamen äußeren Bildes und nicht durch eine am Körper vorgenommene Vereinheitlichung und durch serielle Produktion von Kleidungsartefakten hergestellt (Mentges, S. 27).

Nach Jürgen Link liege der Unterschied zudem in der Legitimierung: Bereits im Hochmittelalter habe diese stattgefunden und nicht auf Funktionalität, sondern auf die Gleichmachung vor der göttlichen Instanz abgezielt.

Uniformierung sei daher nicht als Resultat von Modernisierungsprozessen, sondern als von „vorneherein mögliches soziales Beziehungsmodell der Modernisierung inkorporiert“ worden – und trage zu dessen Entstehung bei.

Quellen:

  • Craik, Jennifer (1994): The Face of Fashion. Cultural Studies in Fashion. London/New York. S. 4-5.
  • Mentges, Gabriele (2005): Die Angst vor der Uniformität. In: Mentges, Gabriele & Richard, Birgit (Hrsg.): Schönheit der Uniformität. Körper, Kleidung, Medien. Frankfurt/M. S. 17-42.
  • Sombart, Werner (1902): Wirtschaft und Mode. Ein Beitrag zur Theorie der modernen Bedarfsges-taltung. Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. 12. Heft. Wiesbaden.
  • Tocqueville, Alexis de (1987): Über die Demokratie in Amerika. Zürich.Vischer, Friedrich Theodor (1986): Mode und Zynismus. In: Bovenschen, Silvia (Hg.): Über die Listen der Mode. Frankfurt/M. S. 33-79.
  • Welsch, Wolfgang (1987): Unsere postmoderne Moderne. Weinheim. S. 89-90.
    -(Hg.) (1988): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne. Weinheim. S. 1-46.


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