Seit den letzten Jahren sind prominente Modedesigner tatsächlich immer häufiger  an der Inszenierung von Theateraufführungen auf deutschen Bühnen beteiligt. Zu den neuesten eindrucksvollen Beispielen gehört die Kooperation der Berliner Oper mit Jean Paul Gaultier 2009 bei der Inszenierung von Mahlers Ballett „Schneewittchen“ und mit Christian Lacroix bei der Aufführung der Händel-Oper Agrippina im Februar 2010, sowie die Zusammenarbeit des niederländischen Designer-Duos Victor und Rolf mit der Oper Baden-Baden an der Inszenierung von „Freischütz“ 2009. Dennoch sind die Wechselbeziehungen zwischen Theater und Mode viel früher als im 21. oder  20. Jahrhundert in der Vergangenheit zu verwurzeln – nämlich in der Zeit der Herausbildung des neuzeitlichen Theaters um 1800.
Die Entwicklung des Theaterkostüms bis ins 19. Jahrhundert hinein ist durch das permanente Zusammenwirken von verschiedenen Modetendenzen auf das Bühnenkostüm geprägt. Die Wandertruppen und Hoftheater – die „Vorläufer“ des stehenden Theaters der Neuzeit – orientierten sich bei der Ausstattung ihrer Stücke an der herrschenden Hofmode, wenn es auch noch damals keine speziellen Kostümbildner oder „Designer“ gegeben hat, die für Schauspieler Kostüme nach den neuesten Modetrends entwarfen, und es größtenteils die Schauspieler selbst waren, die sich die Kostüme anfertigten. Demgegenüber tritt die Institution Theater um 1800, vorbereitet durch Dramentheorien des Klassizismus, als Verteidiger der historischen Wahrheit und Glaubwürdigkeit auf der Bühne auf. Damit begann die Entkoppelung von der zeitgenössischen Mode im Theater, die sich langsam während des ganzen 19. Jahrhunderts vollzog und ihren Höhepunkt in der großen Bühnenreform des Meininger Theaters in 1870er Jahren  erreicht hat.
Zur gleichen Zeit wurde diesem Streben nach Objektivierung der theatralischen Darstellung, d. h. nach der historischen Angemessenheit der Bühnenausstattung, ständig immer mehr die Neigung zur Subjektivierung der Inszenierungsweisen seitens der Regisseure entgegengesetzt. Dadurch wurden viele Künstler ans Theater gelockt, die die besonderen Inszenierungsgedanken eines Regisseurs mit den durchaus originellen und meist von Historizität losgelösten Kostümentwürfen zu verwirklichen versuchten. Künstler der Wiener Sezession Anfang des 20. Jahrhunderts beispielsweise (Klimt, Bakst, Poiret u. a.) haben durch ihre Kostümentwürfe enorm zum Erfolg der Aufführungen von Djagiljevs Balletts Russes beigetragen. Selbst Coco Chanel hat ihre Karriere in den 1920ern mit den Entwürfen zu Djagiljevs Balletts angefangen. Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts kennzeichnen somit einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte der Wechselbeziehungen zwischen Theater und Mode: hier wird die Bühne nicht nur als hervorragende Experimentierfläche empfunden, die den zukünftigen Modemachern die Möglichkeit der völligen Entfaltung ihrer Phantasie fern von dem unmittelbaren Gebrauch der „Textilwaren“ gibt, sondern auch als eine wichtige geschmacksbildende Anstalt, in der die zeitgenössische Mode praktisch vor dem Publikum geschaffen wird. Seitdem etabliert sich die Modebranche fest im Bereich der Kunst und das Theaterkostüm wird zum Kunstwerk.
Die Heranziehung großer Modedesigner wie Gaultier, Lacroix und vieler anderer zum Theaterbetrieb heutzutage sehe ich als Fortsetzung dieser schon fast hundertjährigen engen Kooperation zwischen der Theater- und Modekunst. Inzwischen hat dieses Unternehmen natürlich mit der Entwicklung des Modemarktes auch eine wirtschaftliche Komponente bekommen, indem die Bühne von vielen Designern u. a. als Werbefläche für ihre eigenen Kollektionen „ausgenutzt“ wird. „In Zeiten der Krise muss man noch kreativer und cleverer sein,“  so Gaultier, seine provokanten Schneewittchen-Kostüme kommentierend.
Allerdings erinnert diese gegenseitige Hinwendung des Theaters und der Modebranche zueinander  an die Angewiesenheit des vorklassischen Theaters auf die damals aktuellen Modetendenzen und somit signalisiert sie heute eine Rückblende zur Kostümierungstradition des 17. bis 18. Jahrhunderts. Wenn aber damals das Gefühl für eine geschichtstreue Kostümierung sich noch gar nicht herausgebildet hatte, so trägt die historisch unangemessene Designkostümierung heutzutage (wie z. B. die Pilotenkostüme der Zwerge in „Schneewittchen“ Gaultierscher Prägung oder die von Lacroix entworfene ‘Narrentracht’ eines Helden in „Agrippina“, die eigentlich in der Antike angesiedelt ist usw.) einen ausgesprochen symbolischen und spielerischen Charakter.

Der stilistische Eklektizismus und die zielgerichtete Zerstörung der einheitlichen historischen Kulisse durch den Einbruch der Designermode auf die Bühne heutzutage, sind Zeichen des postmodernen Spiels mit der Geschichte im Theater. Dies wird aber, meiner Meinung nach, nur dadurch ermöglicht, dass es in der Kostümgeschichte eine Epoche des Kults des historischen Kostüms und der Kostümgeschichtsschreibung gegeben hatte. Die Kostüme der Modedesigner in heutigem Theater wirken trotz ihrer Originalität wie „belastet“ mit der ganzen Kostümgeschichte, die sie hinter sich haben – sie strahlen eine performative Kraft aus, mit der sie automatisch auf einzelne verschiedenen Stilepochen zugehörige Details zerlegt werden können. Das hat natürlich Konsequenzen für die Wahrnehmungsweisen von Zuschauern im postmodernen „Haute-Couture-Theater“: zwar dessen unbewußt, werden sie aber, dem  Konzept der spiralförmigen Modeentwicklung entsprechend, zu Zeugen des permanenten Wiederauflebens von alten Trends auf der neuen Wendung.



  1. Kostümverleih on Mittwoch 3, 2010

    Interessanter Bericht. Wir sind natürlich trotzdem froh dass es noch viele Aufführungen gibt bei denen auch historische Kostüme zum Zug kommen.