Rasche technische Modernisierung lässt einen manchmal  den Atem anhalten: so war ich neulich ganz erstaunt, als ich zufällig bei einer jungen Dame im Schwimmbad Kopfhörer auf der Bademütze bemerkte. Diese kleine „Seherlebnis“ hat mich zu Überlegungen über das kleine Accessoire „Kopfhörer“ und seine  Auswirkungen auf unseren Alltag  bewogen.

Wie ich herausgefunden habe, werden heutzutage tatsächlich zahlreiche Modelle von wasserdichten MP-3 Playern und Kopfhörern auf den Markt gebracht: große Auswahl kann man beispielsweise auf der folgenden Internetseite finden: www.swimman.com.  Musik hören beim Schwimmen (für die Hörbücher oder Radiosendungen sind die „Schwimm-Kopfhörer“ eben noch nicht geeignet), wird hier also als Alternative für das „einsame  Bahnen ziehen“ angeboten.

Dies ist natürlich eine ziemlich extreme Ausprägung der Mode auf  Musikabspielgeräte. Ansonsten würde heutzutage  die portative akustische Begleitung verschiedener Freizeitsaktivitäten, ob Joggen oder Laufen oder Schilaufen  schon keinen mehr wundern. Sogar in der „Ausrüstung“ für das Schlittschuhlaufen  haben die Autoren eines Artikels in der „Shape“ -Ausgabe N 1/2010 neben einer Thermokanne ! und den Schlittschuhen, auch die Kopfhörer als ein „notwendiges“  modisches Attribut vorgesehen: Eislaufen mit Musik

Aber ist dieses Bedürfnis nach dem Ausfüllen des akustischen Vakuums nur noch in unseren Sport- und Freizeitsbeschäftigungen angesiedelt?

Richtet sich nicht schon der alltägliche Lebensrhythmus überhaupt nach den aus Kopfhörern strömenden Lauten?

So ist mir in derselben „Shape“-Ausgabe noch eine kurze Werbung ins Auge gefallen: über die sogenannten „Soundears“.

Das Erscheinen  dieses Accessoires  ist eine Bestätigung dessen, dass die Medien- und Technologiebranchen heutzutage unseren geringsten Wünschen, von denen wir sonst wahrscheinlich  so gar nicht ahnen würden, entgegenzukommen suchen. Und man kann darüber nicht hinwegsehen, dass diese Bestrebungen sich immer wieder rechtfertigen, sodass beispielsweise  Kopfhörer in ihren verschiedensten Ausführungen zu Massenartikeln geworden sind (natürlich zusammen mit Playern). Große Auswahl von Modellen und Farben präsentiert z. B. dieses Online-Shop: http://www.skullcandy.com/shop/all-products.html?limit=all.

Mittels Kopfhörer bietet sich offensichtlich die Möglichkeit an,  Alltag mit Musik und Informationen individuell zu gestalten und zu verschönern. Dadurch möchte man den Herausforderungen der modernen städtischen, in erster Linie, Lebensweise quasi einen Widerstand leisten. Der ständigen Mobilität, die oft nur als Zeitverlust empfunden wird, der Notwendigkeit des Inkontakttretens mit bekannten und unbekannten Leuten – unterwegs, auf der Straße, beim Einkaufen, in der Bibliothek usw. –  stehen wir immer wieder gegenüber und möchten dieses Eindringen der Außenwelt durch Zuflucht in unseren individellen akkustischen Raum kompensieren.

Ich könnte diesen Kopfhörertrend gar harmlos sehen, wenn nicht damit für mich zwei Probleme vielleicht kulturpessimistischen Charakters verbunden wären:

1)  Ist dieses Streben nach Abkapselung in eine eigene „Welt“ durch Kopfhörer nicht ein Signal dafür, dass man soziales Leben, das Miteinanderleben und -kommunizieren, -schwimmen und -schlittschuhlaufen, aber auch das Miteinanderschweigen – das bloße Miteinandersein – zu geringschätzt und praktisch mittlerweile verlernt?

2) Stellt der permanente Konsum von Musik und Hörtexten nicht die ehemaligen einzigartigen ästhetischen Erfahrungen des Hörens und Lesens überhaupt in Frage, indem sich neue Wahrnehmungsmuster entfalten und für uns eines Tages plötzlich die Vier Jahreszeiten von Vivaldi beispielsweise absolut an ihrem Eigenwert verlieren und nur als Joggingsbegleitung relevant bleiben würden…

Können wir in der u. a. durch Kopfhörer angekündigten Medialisierung unseres Alltags noch die Zügel fest in der Hand haben oder tanzen uns wirklich schon mal die Kopfhörer auf dem Kopf herum??



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