Der Winter 12/13 – Zeit für eine Bilanz

 

Im Oktober fing der Schnee an und heute – Ende März – ist es immer noch weiß. Aber ich will hier nicht über Weiß nachdenken, sondern darüber, was der Winter an modischen Impressionen gebracht hat – jenseits der Oscar’s und der Laufstegmode. Meine Eindrücke sind dabei höchst subjektiv und die Freundin in der Großstadt teilt sie auf Nachfrage nicht in allem. So sind in meiner Stadt, die äußerst angesagten pradamäßig gemusterten Hosen eher unsichtbar geblieben, in F. aber gut vertreten gewesen und so weiter. Hier dauert es eben oft ein bisschen länger, bis sich die Trends durchsetzen und ich prophezeie für den kommenden kleinstädtischen Sommer, dass die Muster oder zumindest Farben an den Beinen und darüber sehr gut vertreten sein werden. Aber zum Winterresümee, bei dem ich auch die Farben in den Vordergrund stellen möchte:

 

Am Anfang war Türkis

 

Eigentlich begann es schon, als ich Ende September aus dem späten Sommerurlaub kam und mich die türkisen Einsprengsel im gewohnten Straßenbild aufmerksam werden ließen. Es fing an mit leichten Softshelljacken, dann kamen Anoraks, Daunenjacken, selbst Rucksäcke und vor allem Hoodies, deren Kapuzen sichtbar über die Jacken gelegt getragen wurden. Dem folgten Mützen und Schals und türkisfarbene Akzente an Verschlüssen und Nähten. Türkis bei Alt und Jung übrigens!

Woher denn so viel Türkis?

In meinen Referenzblättern kam die Farbe jedenfalls nicht als Trend vor, sieht man einmal von einer generellen neueren Blauorientierung ab, die sich die letzten Jahre wieder abzeichnet, aber das Türkis war nur eine kleine Nuance unter vielen. Zwar:  in der Arztpraxis meines Vertrauens, da wurde vor zwei Jahren schon auf türkise Polohemden umgestellt, aber Corporatefashion ist in der Regel nicht trendsetzend sondern trendfolgend. War er also schon da, der Trend? Wenn man genau überlegt, dann waren die Aquafarben in der Sommermode der letzten Jahre durchaus vorhanden und man kann sie als Vorläufer des winterlichen Türkis ansehen. Das Überraschende ist aber, dass aus der Sommerfarbe eine Winterfarbe geworden ist. Das liegt vielleicht in der Eigenschaft dieser Farbe zwischen Hell- und Grünblau, die die Scala von warm bis kalt abdecken kann und daher interpretativ von Mittelmeer bis Gletscher reicht. Vermutlich ist das die Story hinter der Platzierung der Sommerfarbe im Winter, wenn man sich mal denkt, wie die Argumentation der Trendstudios für Farbdesign lauten könnte.

Hilfreich zur Analyse der hiesigen Situation war dann ein Blick in die Kataloge der Gebrauchsfashion und insbesondere der Sportmode. Da war Türkis deutlich sichtbar. Allerdings als nur ein Trend unter vielen möglichen und nicht so stark repräsentiert, wie ich ihn wahrgenommen habe. Vielleicht liegt es daran, dass meine Universitätsstadt ein Zentrum der Funktionskleidung ist – ein später Auswuchs des pietistischen „Form follows Function“. Man folgt hier eben doch mehr den Labels,  deren Mehrwert in der Funktion zu liegen scheint und kombiniert das mit Farbinnovationen, um dem Wunsch nach Veränderung, der fast jedem Kleiderkauf innewohnt, zu folgen.

 

 

In der Mitte wurde Grün gegeben

 

Im Dezember und danach gab es einen signifikanten Anstieg von grünen Kleidungsstücken. Grün wird uns seit Jahren nahegelegt; in den Modegeschäften kam von diesem Langzeittrend aber nur wenig an und folglich noch weniger an den Körpern bzw. in den Kleiderschränken. Das änderte sich in dieser Wintersaison etwas. Es gab das Neongrün, das mit dem Türkis etwa gleichauf lag und noch von Neonpink begleitet war, das wurde aber hauptsächlich in der Jugendmode gesichtet. Und parallel dazu das Mittel- und Dunkelgrün, das sich hauptsächlich in Strickwaren verwandelt hat und der Kollegin zu einer ganz besonderen Garcon-Jacke verhalf. Im Dezember und Januar trugen dann auch die männlichen Kollegen grüne Jacken und Pullover und die Weihnachtsgeschenke brachten im neuen Jahr grüne Kaschmirpullis in die Büros. Gern hat man sich daran gewöhnt, dass das winterliche Grau, Braun, Blau, Lila mit ein bisschen Grün ergänzt wird. Überrascht hat eher, dass es weniger Schwarz gab. Das könnte sich in der kommenden Saison aber ändern, wo verstärkt auf Schwarz-Weiß-Kontraste gesetzt wird, wenn man den Vorankündigungen glauben darf.

Ich denke, zunächst wird sich der Wunsch nach mehr Farbe durchsetzen und der begann im Januar. Denn:

 

Dann kam ROT

 

Anfang Januar titelte die Onlineausgabe des Magazins „D“ schon: “Le dive vanno in rosso” Die Diven/Göttinnen tragen Rot und stellte uns bekannte Damen in ihren mehr oder weniger gelungen ausgewählten aktuellen roten Mänteln vor.[1]

Gerade da hatte ich mir im Sale eines italienischen Labels einen roten Mantel gekauft. Etwas, was ein Jahr zuvor nicht denkbar gewesen wäre. Und ich war nicht allein damit. Hatte ich zuvor überall Türkis gesehen, so sah ich nun, dass die roten Teile, hervorgeholt oder frisch gekauft, an die Frau und auf die Straße drängten. Die endgültige Bestätigung für unser spätwinterliches Drängen nach Rot gab mir ein Zeitungsbild, auf dem sich engagierte Bürgerinnen und Bürger an irgendeinem Runden Tisch zusammengefunden hatten und die Hälfte in roten Oberteilen da saß.

Wir alle wollten Farbe, aber nicht irgendeine, sondern eine, die Wärme gibt und etwas verspricht: „Red is the colour of desire” lautet eine Liedzeile im derzeit erfolgreichsten Filmmusical. Rot ist die Farbe des Wünschens. Am Ende eines langen Winters ist es der Wunsch, dass das Weiß und die Kälte weichen sollen!

 

 

Eine Nachbemerkung: Die Freude des langen Winters besteht natürlich darin, dass die neuen Sachen aus dem Winterschlussverkauf schon getragen werden können und nicht erst im nächsten Oktober zum Einsatz kommen, wenn man sie eigentlich schon wieder vergessen haben wird und ihre Aktualität ein bisschen fraglich sein könnte. Und – der Gedanke, wie man je wieder in die Sommersachen passen könnte, kann bei einer spätwinterlich kräftigen Mahlzeit noch verschoben werden.


Impression vom Studientag Wintersemester 12/13: Das Übliche und Türkis, ein bisschen Grün und Rot




  1. It‘s quite in here! Why not leave a response?



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