Das Material spielt mit!

William Shakespeares erstes Königsdrama Richard II wurde 1595 geschrieben und ist 1398 situiert. Die Herausforderung stellte sich in der Umsetzung des monumentalen Dramas auf die Bühne des Zimmertheaters mit seinen fünf Schauspielern: Die shakespeareschen Protagonisten tragen schwere Rüstungen und die Orte der Verhandlungen sind alte Ritterburgen, Königssäle, Hofgärten. Hinzu kommt, dass in diesem sehr komplexen Stoff 47 Figuren auftreten, die alle eine Vor- und Nachgeschichte haben. Um diese fremde Welt zu kreieren, spielte in der Inszenierungskonzeption die Materialität der Kostüme und des Bühnenbildes eine maßgebende Rolle.

Richard II, Zimmertheater Tübingen c) Alexander Gonschior

 

Die fünf Spieler trugen alle ein zweiteiliges Kostüm aus beige-weiß farbigem Nessel. Auf diesem behäbigen Stoff wurde eine Pampe „draufgeplattert“, bestehend aus Acrylbinder, Kreide und Farbpigmenten. Diese Schicht wurde auf den ganzen Stoff verteilt, so dass bei vollständiger Trocknung, die Hosen und Oberteile aus Nessel zusätzlich verhärtet waren. Die Pampe hatte eine grau-schwarz-weiße Farbe. Ausserdem löste sich diese Schicht aus Acryl ab und an ab, so dass sie bei kräftigen Bewegungen bröckelte und ein nieselndes Geräusch von sich gab.
Ohne in der Analyse darauf einzugehen, soll kurz das Bühnenbild beschrieben werden. Es bestand aus fünf Bauelementen aus Kiefernholz, eingerahmt jeweils mit schwerem Edelstahl. Das Holz und der Stahl wurden schwarz bemalt und standen schon zu Beginn der Probenzeit zur Verfügung, damit die Spieler die Elemente mit ihren bröckelnden Kostümen beschmieren sollten. Dies hatte den Effekt, dass die schwarzen Elemente zur Premiere ziemlich “abgerockt” aussahen und bei starkem Klopfen eine kleine Staubwolke von sich gaben.

 

Richard II, c) Alexander Gonschior

Nun stellt sich die Frage: warum das Ganze? Warum können die Schauspieler nicht einfach nachgebaute Rüstungen tragen und in ein paar schönen Kulissen aus Stellwänden spielen, die von Bühnenarbeitern hin- und hergeschoben werden, um wieder mit einem neuen Set hinter einem Vorhang den Zuschauer zu überraschen? Ganz einfach: Abgesehen von den sehr bescheidenen technischen Möglichkeiten am Zimmertheater, die die Künstler zu Kreativität zwingen, gehört es zur Arbeitsphilosophie von Jörg Zysik durch Materialität Welten zu kreieren, die durch das Zusammenspiel der Sinnesorgane, also des Gehörs, der Augen, des Geruchs und der Haptik in den Köpfen der Zuschauer hergestellt werden. Um eine Illusion zu schaffen, müssen erst alle vorgefertigten Illusionen zerstört werden. Der Zuschauer sieht die „Pampe“ und die textilen Hüllen der Schauspieler, die in unterschiedlichen Deformationen geschnitten sind und kann dies als Voraussetzung für die “Spielverabredung” akzeptieren, die der Zuschauer mit dem Kauf seiner Karte mit den Schauspielern eingeht. Dem Zuschauer wird von Anfang an klar, dass er sich seine Welt mit dem Schauspieler selbst zusammen basteln muss. Ihm wird keine vorgefertigte Bühne geliefert, die eine Welt darstellen soll, die er wahrscheinlich nur aus Kinderbuchphantasien und Hollywoodfilmen her kennt. Der Zuschauer wird aufgefordert seine eigene Vorstellung vom Mittelalter herzustellen.

Richard II c) Alexander Gonschior

Diese Prämisse hat den Effekt, dass die Sprache Shakespeares in den Mittelpunkt rückt. Denn er “bemalt” die neutralen Farben des Bühnenbildes in der Phantasie des Zuschauers/der Zuschauerin. Außerdem ermöglicht er  eigene Regeln und Gesetze in der Realität des Spiels, die drei Stunden lang “live” auf der Bühne erzeugt wird. Dieses “live”- Gefühl wird erzeugt, indem der Zuschauer miterleben kann, wie jeder Schauspieler mit seinem Kostüm umgehen muss und wirklich umgeht und nicht nur so als ob. Der Zuschauer schaut zu, wie der Schauspieler sich mit seiner “Rüstung” abmüht und nicht vorgegaukelt bekommt, dass die Plastikrüstung „ach so schwer“ sei.
Neben dem Optischen bietet das Konzept der Materialität auch dem Geruchssinn eine Sphäre der Assoziation. Nessel riecht ziemlich erdig und erzeugt so ein Gefühl der Natürlichkeit, die sich im Raum verteilt. Auch wenn der Geruch von Nessel und Farbe  nicht direkt etwas mit einer Ritterrüstung zu tun hat, so geben sie zu erkennen, was sie sind, und versuchen nicht etwas anderes zu sein. Diese scheinbare Desillusionierung bietet dem Zuschauer die Möglichkeit sich auf das Spiel mit dem Material einzulassen, und seine eigene Assoziationen nachzugehen. Auf Seiten der Schauspieler ermöglicht dieses Material zudem ein authentisches Spiel. Wenn er die ganze Zeit spielen müsste, dass das Plastik, das sich wie Tupperware anfühlt und den Geruch seiner Handyhülle besitzt, eine andere Welt sei, dann hätte er das Gefühl des Vorspielens, des „so tun als ob“, das sich auf sein ganzes Spiel auswirkt. Hingegen, wenn er in dem Material fühlt, was es ist, und durch die Materialität einen eingeschränkten Spielradius erhält, der ihm wiederum eine Freiheit des Spieles innerhalb dieser Möglichkeiten bietet, dann kann er sich darauf einlassen die vollen Möglichkeiten auszuschöpfen, die ihm die Reduktion ermöglicht. Das Material wird hiermit zum Akteur, der die Spieler unter Zugzwang setzt und direkten Einfluss auf das Spiel auf der Bühne einnimmt.

 

 

http://www.zimmertheater-tuebingen.de/spielplan/richard-zwei-3830

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Alexander Gonschior.



  1. It‘s quite in here! Why not leave a response?



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