Mut zum Hut!

Herbstzeit ist für mich Hutzeit, denn was schützt einen besser vor wilden, goldenen Herbstwinden und grauem Nieselregen als ein tief in das Gesicht gezogener Hut? Ganz nebenbei rundet ein Hut ein ganzes Outfit stimmig ab und gibt ihm eine eigene, individuelle und extravagante Note. Grund genug, den Hut laut der großen Modezeitschrift „ELLE“ zum Modetrend des Herbstes 2012 zu erklären. Der Hut ist wieder da! Aber war er überhaupt je weg?

Ein kleiner historischer Überblick über die Geschichte des Huts. Und dann die Frage: Wer trägt heute Hut und warum?

Im 19. Jahrhundert war die Haube die Kopfbedeckung für die Frau. Zunächst oft groß und reich verziert und teilweise unter dem Kinn zusammengebunden wurde die Haube  zur zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts auf eine schlichtere Form reduziert und zur Bedeckung des weiblichen Haupthaares hauptsächlich der verheirateten Frauen genutzt.

Um 1900 wurden die Kleider der Frauen enger und die Hüte dafür größer, bunter und auffallender. Der Hut symbolisierte nun nicht mehr Demut und Zurückhaltung, sondern stand für den Wohlstand der Trägerin. Je größer desto besser! Um 1920 wurde der Wagenrad-große Hut durch einen praktischeren, enganliegenden und zurückhaltenden „Topfhut“ ersetzt. Frauen wurden selbst berufstätig und der Hut passte sich den veränderten Bedingungen der sich emanzipierenden Frauen an. Die Jahre von 1930 bis 1940 brachten eine Weltwirtschaftkrise und eine durch die nationalsozialistische Ideologie veränderte Sichtweise auf die Frau und ihre Aufgaben- sie sollte sich verstärkt wieder um die Küche und die Kinder kümmern. Daher unterlag die Hutmode nun wieder mehr modischeren als praktischen Richtlinien. Flache und asymetrische Hüte wurden kennzeichnend für diese Zeit. Das Kopftuch der “Trümmerfrauen” war dann das Kennzeichen der unmittelbaren Nachkriegszeit.

In den 50er Jahren galt nach wie vor Frank Sinatras Weisheit: „ohne Hut ist man nicht gut angezogen“, denn nur ein Hut vervollständigte das Outfit. Erst Ende der 50er Jahre ging die letzte große Blüte der Hutkultur zu Ende. Ende der 1960er Jahre verlor das Hutmacherhandwerk daher zunehmend an Bedeutung.

Und wie steht es heute um den Hut, jetzt wo er keinen sozialen Status mehr repräsentiert oder zum Ausgehoutfit dazugehört wie unsere Lieblingshandtasche?

 

Ich für meinen Teil liebe Hüte, besitze eine breite Sammlung an Schlapphüten, Trilbys (die ca. 2005 bei den Männern ein Comeback erlebten) und Borsalinos. Immer auf der Suche nach Hüten durchstöbere ich Vintage-Läden oder den Speicher meiner Großmutter nach alten Exemplaren, die ich in der Herbstzeit besonders gerne trage. Aber nach wie vor ist es eine Minderheit der jungen Menschen, die Hut trägt. Ich will wissen, warum.

Roter Schlapphut

Speziell in meinem Freundeskreis besitzen viele Hüte und tragen sie um ein Outfit abzurunden oder ihm einen extravaganten Touch zu geben. Sie interessieren sich für ausgefallene Mode, gerne auch Unikate aus dem Secondhandladen oder vom Flohmarkt. Ich stelle fest, dass junge Menschen, die sich für Mode begeistern und gerne experimentieren, Hüte lieben und sie gerne tragen- gerade auch weil es heutzutage eben nicht jeder tut. Weil es etwas Besonderes ist. Weil es an alte Zeiten und verlorene Eleganz erinnert.

Borsalino

 Ich frage beliebige Passanten zwischen 15- und 30 Jahren  auf der Straße, ob Sie sich vorstellen könnten, einen Hut zu tragen, und wer Ihrer Meinung nach einen Hut trägt. Die meisten sagen, dass ein Hut nicht zu Ihrem Kleidungsstil (eher sportlich oder simpel) passe oder ihnen zu auffällig sei. „Das überlassen wir den Modeexperten“ sagt ein Mädchen und lacht. Da hat sich im Laufe der Zeit ja ganz schön was verändert, denke ich bei mir, trug doch früher die breite Masse einen Hut und repräsentierte sich sogar darüber. Heute bedarf das Tragen eines Hutes ein gewisses Selbstbewusstsein, denn ein Hut wird sofort zu einem Hingucker!

Trilby

Ich besuche eine große Modekette und frage nach Hüten: den typischen Trilby-Hut gibt es sogar hier- er ist sehr erschwinglich und – laut Verkäufer- ein sich gut verkaufendes Modell. Um weitere Einblicke einzuholen betrete ich ein altes Hutgeschäft. Die Türklingel schellt, es knarzt, ich betrete den kleinen Laden und fühle mich sofort wie in eine andere Zeit versetzt. Der Hutmacher erklärt mir, dass es junge Leute gibt, die sich generell für alte Sachen begeistern, und die dann auch gerne besondere Hüte kaufen. Interessant, denke ich mir, und ziehe meinen Hut tiefer in die Stirn. Schön, dass die Hutkultur noch nicht ausgestorben ist, und schön, dass Modedesigner den guten alten Hut immer wieder einsetzten, meist sogar in den typischen, traditionellen Formen und Farben. Diesen Herbst  ist es nun wieder soweit- also    Mut zum Hut!

 

 

 

 

 



  1. It‘s quite in here! Why not leave a response?



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