Sommer 2012. Etwas ist anders auf den Straßen Tübingens. Eine feste Größe auf dem Laufsteg der Stiftskirchentreppe ist diesen Sommer nicht erschienen. Letztes Jahr war die Stadt voll von ihnen. Leuchtend bunt stolzierten sie die Straßen hoch und runter. Schlenderten selbstbewusst die Gassen entlang. Die Rede ist von den pinken, grünen und bunten Chinohosen. Für Männer. Ich wollte diesen Sommer 2012 die Codes untersuchen, die die pinken Chinos kommunizieren. Doch dies sollte sich als Problem herausstellen. Denn im Vergleich zum letzten Sommer blieben sie dieses Jahr aus. Frank, der Besitzer des “Risiko”, meint: „Dieses Jahr gingen zwar die neonfarbenen Hosen für Herren gut weg, aber im Vergleich zu letztem Jahr läuft Pink gar nicht. Wir haben auch keine nachbestellt.“ Obwohl mir die Schnelllebigkeit der Modebranche bewusst ist, wollte ich trotzdem untersuchen, woran das liegen könnte.

Eine mögliche Erklärung für das plötzliche Verschwinden der pinken Hosen war die höhere Temperatur der Monate Juni und August. In meiner Untersuchung musste ich in Tübingen feststellen, dass die Modegeschäfte:  New Yorker, Risiko und Macho, hauptsächlich Chinos mit Karottenschnitt, die aus einem Materialmix mit Elasthan gefüttert werden, im Angebot hatten. Dieses Material gehört einer neueren Technologie an, denn ursprünglich wurden die Chinos aus leichtem Twill gemacht, einem Baumwollstoff, der in China hergestellt wurde. So erhielt diese Hose auch ihren Namen: „Chinos“. Im 19. Jahrhundert trugen die Soldaten Hosen aus diesem Stoff, die ihnen den Einsatz im tropischen Gebiet erleichtern sollten.

Entgegen verbreiteter Meinung  müssen Chinos nicht im Karottenschnitt hergestellt werden. Es gibt sie in den USA seit den 50ern „ganz klassisch“ mit einem weiten Schnitt. Ihren Namen haben sie wie erwähnt vom leichten mit China assoziierten Twill-Baumwollstoff. Doch die moderneren Chinos werden mit 2% Elasthan hergestellt. Bei hohen Temperaturen ist dieser Stoff nicht für jeden erträglich, obwohl er selbst Transpiration unempfindlich ist. Bei 40 Grad Hitze allerdings können die 2% Elasthan, im Gegensatz zu reiner Baumwolle, das Sommerfeeling entscheidend beeinträchtigen. Das faserige Gefühl, das auf dem Körper aufliegt, zusammen mit einem grellen Pink, scheint in dieser Kombination nicht das geeignete Outfit für den Sommer zu sein. So gesehen haben die Erderwärmung und Petrus in diesem Sommer einen direkten Einfluss auf die  Modeerscheinungen. Außerdem fand im Juni die Fußball Europameisterschaft statt. „Dort trägt man halt nicht gerne die pinken Hosen“, sagte Jurastudent Stefan K. Doch sollte ein stolzer Träger pinker Chinohosen diese wirklich nicht zum Fußball tragen?

In den fünfziger Jahren kristallisierte sich eine elitäre Schicht innerhalb der amerikanischen Oberschicht heraus. Die sogenannten WASPs (White-Anglo-Saxon-Protestant), die sich mit Hosen aus extravaganten Farben einen Scherz erlaubten, um mit den Codes der konventionellen Kleiderordnung zu brechen. Tom Wolfe hielt seine Beobachtung über diese Spezies wie folgt fest: „[...] They had their own tribal colours [...] with a go to hell air [...] and never forgetting the power of the money it came from.“

Mögen die grellen Farben lächerlich oder geschmacklos wirken, die Distinktion dieser Schicht erfolgte in Kombination mit einem dem allgemeinen Kleiderstil konformen, blauen Blazer. Dieses Merkmal signalisiert, dass die grellen Farben eines Kleidungsstücks ein bewusster Bruch mit dem alltäglichen Grau der Arbeitsanzüge sind. Das Pink der Chinos war ein gut gesetzter Scherz unter Freunden. Ein „Upperclass Gag“. Eine ironische Haltung zum Leben. Dem Leben außerhalb der Wallstreets. Sie ironisiert in ihrer Geschmacklosigkeit den ansonsten perfekten teuren Geschmack, der das Leben dieser Gentlemen rahmt, und gibt vor ein Fauxpas zu sein. Doch ist sie wiederum so über das Ziel hinaus geschossen, dass sie äußerst gewagt und geschmackvoll wirkt und gleichzeitig die Leichtigkeit des Lebens verkörpert. Denn Arbeit ist lästig und ab einem  bestimmten Grad des  Erfolgs nicht nötig. Sie signalisieren dem Bürger, der sich durch die Arbeit definiert und sich einen solchen „Scherz“ nicht erlauben darf, dass dem Erfolgreichen der Erfolg von selbst kommt, mit anderen Worten, dass sein Geld für ihn arbeite. Mit dieser Botschaft hob sich in den 50er bis zu den 80er Jahren die amerikanische Oberschicht von der Mittelschicht ab.

Parallel zu dieser Bewegung bildeten die Söhne der WASPs an den Elite Colleges in den USA der 50er eine eigene Tradition mit dem Preppie Style. Ähnlich wie ihre Väter arbeiten die Söhne ebenfalls mit Brüchen der konventionellen Kleiderordnung und kreierten dabei eine eigene Tradition, nämlich Kleidungsstücke ihrer Väter oder Großväter weiter zu tragen. Der Bruch besteht aus dem Kontrast der „älteren“ Kleidungsstücke, die aber eine Geschichte ausstrahlen, im Gegensatz zu den glatten und „neuen“ Kleidern der Schuluniformen oder der Ladenangebote. Tradition wird zu einer einzigartigen Ware.

Es herrscht ein dreidimensionaler Umgang mit der Verwendung der Codes, die das Kleidungsstück in dieser Schicht verkörpert: Der Großvater trug seine Chinos im Golfclub, der Vater trug sie nur noch für sich allein im Sommerhaus während der Gartenarbeit, der Sohn zieht sie in der Schule an, um sich wiederum als Elite Preppie mit viel Understatement zu repräsentieren. Kleider der Preppies müssen so aussehen, als wären sie richtig alt. Bloß nicht neu und glänzend. Dieses Verständnis von Stilbruch wurde schon von den Dandys im 19. Jahrhundert praktiziert, die sich als Elite von der Bürgerlichkeit absetzen wollten: Der Bürger trug einen schlichten Anzug. Er ließ die Leistung seiner Arbeit innerhalb einer Gesellschaft für sich sprechen und nicht seine extravagante Bekleidung. Jene Bühne der Selbstdarstellung wurde ab dem 19. Jahrhundert den Frauen überlassen, jedoch auch nur um den Erfolg des Mannes widerzuspiegeln. Dieser Bewegung entsprangen die Dandys. Einer der berühmtesten war George Brummell. Sein Motto war: „Ein Dandy gilt erst dann als gut angezogen, wenn nichts an ihm neu oder kostspielig aussah.“

Ein Dandy muss überhaupt nicht auffallen, weder durch vulgäre grelle Farben, noch durch ein gewisses uniformiertes Perfekt-Sein. Das bürgerliche Verständnis eines geschniegelt makellosen und doch schlichten Äußeren galt dem Dandy als unvornehm, kleinbürgerlich und vor allem kleingeistig. Ein Dandy war schon derart erfolgreich, dass er sich von den Konventionen so befreien konnte, dass er sie gar nicht mehr bedienen musste. Die Dandys hoben sich von den Bürgern durch den feinen aber nicht kleinen Unterschied ab, dass sie sich eben nicht durch ihre Arbeit definierten, sondern dadurch, dass das Geld für sie arbeiten würde.

Durch die Kommerzialisierung des Dandy-, Prep- und WASP- Stils von Seiten der großen Modekonzerne gehören diese Stile nun zur Konvention und zum Massenangebot. Die einzelnen Kleidungsstücke sind nicht mehr Distinktionsmerkmale einer Elite, die tatsächlich eine Tradition beinhalten, sondern Merkmale, die durch die Massenproduktion jedem zugänglich sind. Sie stellen den Anschein von Tradition her. Es geht nicht mehr darum, wie bei den Preppies und WASPs, die Yacht in Vermont zu besitzen, sondern die Idee dessen zu verkörpern.

Das Phänomen des Hipsters, das aus einer Gruppe von Menschen im Alter von 18-24 Jahren besteht, ist mit fünf jähriger Verspätung nun auch diesen Sommer in Tübingen angekommen. Sie haben die Haltung des „Go-to-Hell“ durch ihre abgerissenen und nicht zusammenpassenden Klamotten und durch ihren Stilmix  klar auf die nächste Stufe gehoben. Ihre Kleidung strahlt, trotz der Abgerocktheit und Zerrissenheit, einen urbanen Flair aus, als ob sie gerade aus einem Berliner Club in die Vorlesung geflogen kommen und nichts darauf geben, was die Professoren dabei denken. Ihre metrosexuellen Körper sind nicht muskulös, sondern drahtig als hätten sie gerade eine Entziehungskur hinter sich. Gleichzeitig umgibt sie eine Aura der Unnahbarkeit, die eine Implikation eines großen Intellekts suggeriert. Das Selbstbewusstsein, mit dem sie ihre Kleider durcheinander mixen, untermalt ihre Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen, gegen die sie angeblich immun zu sein scheinen. Ihr Sinn für Hüte und Schals, die sie wie Künstler des Montmartre der 20er Jahre aussehen lässt, ist Ausdruck ihres poetischen Müßiggangs, den sie mit stundenlangen Cafeaufenthalten frönen. Diese Jungdandys müssen schließlich nicht arbeiten, denn die Eltern würden dies schon tun. Die Etikette des „Arm-seins“ kompensiert das schlechte Gewissen aus einem bürgerlichen Haushalt zu stammen. Gleichzeitig wird durch den Secondhand-Retro-Mix ihrer zum Teil sehr zerschlissenen Jeans, knallbunte Chinos und Pullis vom Flohmarkt eine eigene von den Eltern unabhängige Tradition gegründet. Diese Tradition ist der Kern ihrer Authentizität und Identität, da sie auf ein System setzen, das gegen den Kommerz geht. Ihre Produkte sind bis auf die neuesten Apple Geräte, wirklich alt und werden nicht nur auf „alt“ gemacht, wie die verfärbten Jeans der Schaufenster im New Yorker.

Stand der Tübinger Sommer 2011 unter dem Stern des WASP-Stils, hat sich in diesem Sommer der moderne Dandy-Stil in Form der Hipster durchgesetzt. Der Hype des Hipsterdaseins, das die Tübinger Gassen als Plattform für seinen exzentrischen Oldschool-Grunge-Singer/Songwriter-Kerouac Stils, hat die pinken Hosen der WASPs von der Bühne gedrängt. Durch die “Einschreibeflut” (bedingt durch den Doppelabijahrgang) neuer Studierender kann vielleicht demnächst von einem Generationenwechsel gesprochen werden: Die neue Herbstkollektion von H&M gibt schon erste Anzeichen dafür, dass dieser „Style“ demnächst von der Stange zu kaufen sein wird.

Die höheren Semester setzten auf die altbewährten Chinos mit einem ganz klassischen Schnitt in einer ganz klassischen, unauffälligen Farbe. Klassisches Understatement spricht für sich. Vielleicht hat die Ernennung der Universität Tübingen zur Elite  die Lust am „Battle der Codes“ genommen, und will sich ganz auf die Tugenden des Bürgertums besinnen, sich durch gute Leistungen zu definieren. Jeder Trend hat ein Verfallsdatum, Qualität wird zur Klassik erklärt sobald es nicht mehr als „neu“ gilt. Die klassischen Chinos bleiben in dem schnelllebigen Trendreigen zeitlos. Die Modetrends kommen und gehen, die klassischen Chinos bleiben.

 E.H. 

 



  1. It‘s quite in here! Why not leave a response?



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