Public Viewing“ oder

Das Zusammentreffen sommerlicher Accessoires“

Über die letzten sechs Jahre hat es sich zu einem richtigen sommerlichen Phänomen entwickelt: das gemeinsame Betrachten fußballerischer Großereignisse. Kurz: das Public Viewing. Nicht nur in Deutschland sondern auf der ganzen Welt finden sich riesige Menschenansammlungen im Zwei-Jahres-Rhythmus zusammen, um ihre Mannschaft anzufeuern und gemeinsam Spaß zu haben. Insbesondere in unserem Land hat sich dieses Geschehen als eine Art Sommersache entwickelt, schließlich findet sowohl die WM als auch die EM in unserem meteorologischen Sommer statt. In anderen Ländern ist das Public Viewing längst nicht so deutlich ausgeprägt wie hierzulande. Während der letzten WM in Südafrika fand man selten Menschenmassen auf den Straßen – was auch daran lag, dass dort Temperaturen von ca. 10°C vorherrschten.

(Fanmeile Berlin 2006/entnommen 31.8.12)

Deutschland gilt auch als sprachlicher Urheber dieses Wortes. Im Jahre 2006 wurde durch die mediale Vermarktung „unserer“ WM mit einem enormen Ansturm gerechnet, wobei es zu mehr und mehr Übertragungen der Spiele auf Großleinwänden kam. Infolgedessen wurde das „Pubic Viewing“ (oder „Rudelgucken“) als Synonym dieses Ereignisses geboren und hat in unserem Sprachgebrauch eine viel größere Bedeutung wie im Englischen.

Das Public Viewing hat sich folglich auch auf viele andere Bereiche ausgeweitet. Man trifft sich mit Freunden zum Grillen, kauft sich einen neuen Großbildfernseher und lernt neue Menschen kennen – alles damit verbundene Auswirkungen. Die Medien mussten sich ebenfalls an die rasante Veränderungen des sozialen Geschehens in Deutschland halten. Es entstanden wissenschaftliche TV-Sendungen zur Entstehungsgeschichte, Zeitschriften erfanden einen Knigge für das richtige Verhalten und Modelabels schreiben uns vor, was wir tragen dürfen/sollen. Für Kleidungsbeispiele z.B. Glamour Ausgabe 06/06)

Heißt das folglich, dass wir uns nicht frei kleiden dürfen? „Ich ziehe das an, wozu ich Lust habe!“, so Anja F. beim Public Viewing in Tübingen in diesem Juni. Beim Blick auf ihre Kleidung fällt die Individualität leider nicht ganz so genau auf: offizielles DFB-Fußballtrikot, schwarze Shorts, schwarze Sneakers und dazu ein Übermaß an Accessoires (Blumen-Kette, Hut, Brille und Armband in den Deutschland-Farben). Schaut man sich die Menschen beim Public Viewing an, findet man diesen Kleidungsstil des öfteren. Ist es überhaupt möglich, als „normal gekleideter Mensch“ auf einem solchen Fest zu erscheinen? Bei meinem Selbstversuch (Jeans, T-Shirt und keine Accessoires) wurde ich mehrmals komisch angesehen. Bei meiner Nachfrage, was die Menschen dazu meinten, erhielt ich nur eine Ansicht als Antwort: „Das gehört sich eigentlich nicht!“ (Sahin F.) und „Langweilig“ (Gerald B.). Unsere freie Wahlmöglichkeit scheint also stark begrenzt zu sein. Bedenkt man allerdings, dass das Public Viewing ein Zusammentreffen mit einem einheitlich Thema ist, liegt ein gemeinsamer Kleidungsstil nicht weit entfernt. Zur Fastnacht trägt schließlich auch jeder ein Kostüm und im Schwimmbad würde man mit langer Hose und Pullover statt Badeanzug auch auffallen. Bei der Wahl der richtigen Kleidung hat man nur begrenzte Wahlmöglichkeiten. Immerhin die große Zubehörpalette kann uns etwas Individualität verleihen.

  (Wimpern in Deutschland-Farben/aufgenommen 30.8.12)

Letztendlich ist es einem selbst überlassen, wie stark man sich mit Fahnen, Flaggen und Accessoires dekorieren möchte. Doch ohne mindestens ein Zubehörteil ist man auf den Public Viewing-Events ein Außenseiter.

Es wird spannend, welche weiteren Optionen sich die Marketing-Welt in Zukunft ausdenkt und was uns bei der nächsten WM erwarten wird!

 

Quellen:

http://www.duden.de/rechtschreibung/Public_Viewing

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hamburg_journal/media/hamj20007.html

http://www.utopia.de/ratgeber/der-kleine-public-viewing-knigge-ratgeber-zur-em-fussball?all

http://www.peek-cloppenburg.de/magazin/public-viewing-fussball/;jsessionid=6F51C4ECE01D8799171FE7C3F1595E60.app2front?v=0

http://www.berlin.de/binaries/asset/image_assets/2538714/source/1342005618/418×316/

 



  1. KAi on Donnerstag 18, 2012

    Hey!
    Schöne kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Public Viewing und den langweiligen-dreifarbigen Accessoires ;)
    Aber in einem Punkt möchte ich widersprechen: in Südafrika gab es vielerorts auch Public Viewing (vorallem in den Großstädten und den Fanmeilen!) in den meisten Kneipen gab es außerdem Großleinwandübertragungen der Spiele. Und es waren eher selten 10°C, sondern mittags meist um die 20+. Der Grund, weshalb es doch nicht ganz so groß ausfiel wie hierzulande, ist in dem Fall eher kulturell als meteorologisch bedingt.
    Was mir in der Zeit vor Ort aber auffiel: viele der 12verschiedenen Kulturen in Südafrika, von denen sich vorher viele mieden, feierten nun zusammen ihre “bafana bafana” (übersetzt: “unsere Jungs”, also Fußballmanschaft) und hatten dadurch einen gemeinsamen Nenner, der dem oft praktizierten “Kultur- und Stammeskampf” etwas entgegensetzte.
    So, das war mein Senf :)


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