Die Sonne scheint und nur einzelne Schönwetterwolken sind am Himmel zu sehen. Es ist Sommer, Zeit ins Freie zu gehevon Verena Eßn. Also wird alles nach draußen verlagert, selbst die Zubereitung von Nahrung. Grillen ist angesagt. Fröhlich legt man seine Bratwürstchen und Steaks neben die Putenstreifen auf den Grill. Und der Vegetarier packt natürlich seine Fleischimitate daneben, damit auch er etwas von dem Grillvergnügen hat. 

Aber macht er dies wirklich?

Im Rahmen meiner Forschung bezüglich Fleischimitaten für das sommerliche Grillen, d.h. Produkte welche in Aussehen und Geschmack möglichst nahe an Fleisch herankommen sollen (s.h. Blogbeitrag: Das Tofuhähnchen auf dem Grill), musste ich feststellen, dass es den Anschein hat, kaum jemand greife zu solchen Produkten. Und so stellt sich mir die Frage: von Verena Eß

Wer grillt denn eigentlich das Tofuhähnchen?

Oberflächlich betrachtet ist die Sache natürlich eindeutig: der Vegetarier. Nur Menschen, die auf Fleisch verzichten, brauchen auch eine Ersatzmöglichkeit. Ein Imitat muss her. Doch führt man den Gedankengang weiter, scheint dies recht unlogisch zu sein. Jemand, der etwas nicht essen möchte, verzichtet auch dankbar auf etwas, was genau diesem entsprechen sollte. So würde man ebenfalls keiner Person, welche es bevorzugt keine Äpfel zu essen, ein Apfelimitat anbieten. Schmeckt wie Apfel, sieht aus wie ein Apfel, ist aber gar kein Apfel. Bedeutet das also, dass man doch gerne zu den Apfelessern gehören würde, wenn man JA zu dem Imitat sagt? Sind also all die Menschen, die Fleischimitate verzehren, Heuchler, die wie ein Grillfreund in dem Forum des Grillsportvereins zu bedenken gibt: „Konsumenten (sind), die nicht genug Rückgrat haben, zu ihren Entscheidungen zu stehen.“ Auch in Foren von Vegetarierplattformen, sind die Freunde der Fleischimitate eher rar vertreten. So wurde sich höchstens zu dem Verzehr von Tofuwürstchen bekannt.

Das Angebot ist jedoch vielfältig, gäbe es tatsächlich keine Konsumenten, wäre dies wohl kaum der Fall. Was keinen Käufer findet, wird auch nicht produziert. Wenn weder der Fleischesser noch der Vegetarier zu den Fleischimitaten greifen: Wer isst sie dann?

von Verena EßOder ist man vielleicht einfach zu verschämt sich zu dem Tofuhähnchen zu bekennen, da man somit als „rückgratlos“ bezeichnet werden könnte? Gibt man durch den Verzehr tatsächlich zu, man wäre ein Heuchler?

Nun, wer den Fleischimitatkonsument vorweg als Heuchler bezeichnet, lässt einen wichtigen Gesichtspunkt außer Acht: die Frage wieso auf das echte Fleisch verzichtet wird. Hierfür gibt es vielseitige Motivationen. Aus ethischen, sozialen, ökologischen, gesundheitlichen und noch vielen weiteren Gründen wird auf den Fleischkonsum verzichtet. Natürlich verzichten einige Menschen auch aus geschmacklichen Gründen hierauf, doch dies ist die Minderheit, und nur diese würde von vornerein dankbar ein Imitat ablehnen. Der Hauptteil der vegetarisch lebenden Menschen in Deutschland verneint aus moralischen Gründen den Fleischkonsum, sei es nun um die Natur zu schützen oder das Leben von Tieren, gegen den Verzehr von Tieren sprechen viele Argumente. Gegen den Geschmack und die Konsistenz jedoch nicht.

Wir leben in einem Land, in dem der Verzehr von Fleisch zur täglichen Mahlzeit wie selbstverständlich dazugehört: „Mit Wurst wird’s erst richtig schön”. Schon von Kindesbeinen an wird einem Fleisch gereicht und nur weil man seine moralischen Einstellungen im Laufe seines Lebens ändert, bedeutet dies nicht, dass man auch seine geschmacklichen ändern müsste.

Wem es nach Fleisch gelüstet, aber nicht bereit ist seine moralischen Einstellungen zu ignorieren, dem bietet das Fleischimitat eine Lösungsmöglichkeit. Und so sei es diesem auch vergönnt, ohne die kritischen Blicke der Anderen, beim sommerlichem Grillabend das Tofuhähnchen neben die Steaks und Putenbrüste auf den Grill zu legen.

Leitzmann, Claus: Vegetarismus : Grundlagen, Vorteile, Risiken / Claus Leitzmann. – Orig.-Ausg. – München : Beck, 2001.



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